03. William A. Sonntag, Jeffery S. Bruder e Brandon Lee_Braschler-Fischer

Mathias Braschler und Monika Fischer über Divided We Stand und die Gesichter eines gespaltenen Amerikas

Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen 2016 hat ein Amerika gezeigt, das zutiefst gespalten ist. In den folgenden Monaten fuhren das Schweizer Fotografenpaar Mathias Braschler und Monika Fischer 15’000 Meilen quer durch insgesamt 40 Staaten der USA. Auf der Suche nach Gesichtern, in denen sich etwas lesen lässt über dieses “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”. Sie porträtierten, fotografierten und filmten über 150 Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Divided We Stand ist das Resultat dieser intensiven Reise – 82 Porträts von Menschen und ihren Geschichten, die 2020 erneut vor einer Wahl stehen. Ab dieser Woche präsentiert das Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI Lugano) eine Auswahl dieser ausdrucksstarker Porträts als Grossprojektionen, ergänzt durch eine Reihe von Videointerviews, welche die fotografische Arbeit in einen grösseren Zusammenhang stellen und den Fokus darauf lenkt, was Braschler/Fischer besonders wichtig ist: die Menschen und ihre persönlichen Ansichten und ganz individuellen Geschichten. Das Projekt wird von der gleichnamigen zweisprachigen Publikation begleitet.

Wir haben das Fotografenpaar Braschler/Fischer zu einem virtuellen Gespräch getroffen, während einem Roadtrip in ihrer Heimat, der Schweiz.


Hadley Tate (18) and Colt Cunningham (20) Team roper and bareback rider at Cody Night Rodeo Cody, WY

Was war Auslöser, der euch dazu inspirierte, einen Roadtrip durch die USA zu unternehmen, um die prägenden Kontraste der amerikanischen Gesellschaft festzuhalten?

Mathias Braschler: Wir waren in New York, als Donald Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde. Das Ergebnis dieser Wahl war ein Schock. Niemand in New York hielt das für möglich, auch wir nicht. Das bewegte uns dazu, nach den Gründen zu forschen, wie eine Person wie Trump überhaupt zum Präsidenten einer ganzen Nation gewählt werden kann. Das kann man nur herausfinden, wenn Menschen im ganzen Land trifft und mit ihnen spricht.

Eine fotografische Feldforschung sozusagen. Wie habt ihr euch vorbereitet, die Orte ausgewählt, die Route bestimmt?

Monika: Von Brooklyn, New York City, aus machen wir uns mit unserem Sprinter mit integriertem Popup-Studio auf den Weg, einmal quer durch Amerika. Unser Ziel war es, so viele und unterschiedlichen Regionen im Norden und Süden, Westen und Osten zu bereisen. Insgesamt waren wir 110 Tage unterwegs. Einige Orte waren schon zu Beginn feste Ankerpunkte auf unserer Agenda, etwa ein Besuch bei den Marines oder Mississippi. Die meisten Orte kamen ganz spontan dazu.

Wie fandet ihr zu denjenigen Menschen, die nun in der Ausstellung porträtiert sind?

Mathias: Menschen trifft man auf der Strasse. Unsere Reise fand daher nicht auf dem Highway, sondern lokal statt. Die Menschen haben wir vor Ort einfach angesprochen und gefragt, ob wir ein Bild machen dürfen. Sie waren praktisch immer sofort dabei.

Monika: Das ist das Schöne an den Amerikanern, sie sind offen und spontan.

Wenn ihr nun eine Person oder Personengruppe gefunden habt, die ihr porträtieren wolltet: Wie seid ihr vorgegangen?

Mathias: Es gab Situationen, in denen wir in gerade einmal 15 Minuten hatten, um unser Popup-Studio aufzubauen und das Porträt zu machen. Meistens aber verbrachten wir wesentlich mehr Zeit mit ihnen. Uns war sehr wichtig, dass sie ihre Geschichten über sich und das Land erzählen konnten. Nicht selten haben wir mit den Menschen sogar relativ viel Zeit verbracht, bevor wir überhaupt ein Porträt machten.


© 2020 Braschler/Fischer, Divided We Stand, Kristal Allen and children

Sicherlich sind auch Geschichten dabei, die ans Herz gehen. Könnt ihr 1 oder 2 Porträts nennen, die für euch eine besondere Bedeutung haben? Warum?

Monika: Da fällt mir ganz spontan Kristal Allen ein. Eine schwarze, übergewichtige Frau aus einer der ärmsten Gegenden der USA, Mississippi, und Mutter von 8 Kindern. Sie hatte ein extrem hartes Leben; wurde von ihrem Mann misshandelt, konnte keine Ausbildung machen, hatte keinen Zugang zum Gesundheitswesen. Health Care ist ein enormes Problem in den USA. Auch ihre Kinder werden es schwer haben. Sie wünscht sich nichts mehr, als dass es ihre Kinder besser haben werden. Arbeitslosigkeit, ebenfalls ein enormes Problem, das sich durch Corona noch mehr verschärft. Wir haben sie und ihre Familie in ihrem Zuhause besucht. Zu Acht wohnen sie diesem kleinen Haus, sitzen den ganzen Tag vor dem Fernseher und essen Junk Food – einfach weil sie sich gesundes Essen nicht leisten können. So trist ihre Situation auch ist, sie wirkte zufrieden. Momente wie diese zu erleben, ist sehr eindrücklich. Man erlebt eine Härte von einem Leben, wie man sie bei uns in der Schweiz kaum vorstellen kann. Extreme Armut in den USA hingegen ist keine Seltenheit, gerade in den Südstaaten, aber auch in New York.


© 2020 Braschler/Fischer, Divided We Stand, DJ

Mathias: In den Appalachen, in Kentucky, dem ärmsten Bezirk der USA, haben wir DJ getroffen. Ein herzensguter Mensch, der mit 35 Jahren bereits alle Zähne verloren hat. Er hatte ein extrem hartes Leben, und auch er ist totaler Trump-Supporter. Ihm war nicht mal bewusst, dass er gegen seine eigenen Interessen stimmt.

Auffällig scheint mir die Ernsthaftigkeit der Aufnahmen. Konzeptueller Entscheid oder Spiegelbild einer amerikanischen Realität?

Mathias: In unseren Fotografien geht es meistens um die Menschen, da finden sich selten lachende darunter. Lachen kann wie eine Maske sein, man versteckt sich dahinter. Porträts hingegen erfordern eine gewisse Tiefe. Diese Nähe entsteht erst, wenn man den Menschen Zeit gibt, sich auf ihre eigene Person einzulassen. Ein gutes Beispiel ist Ula, eine McDonalds-Angestellte. Anfangs war sie total happy, lachte und posierte. Sie wollte das so, also liessen wir sie machen. Doch wirklich nah kam man ihr erst, als sie ihre Maske fallen liess. Das, was sie am Anfang zeigte, war nur “Show” nach aussen – eine idealisierte Repräsentation, wie wir es von der Instagramisierung unserer Gesellschaft kennen.

Alle Aufnahmen zeigen Menschen vor weissem Hintergrund. Sozusagen in neutralem Umfeld. Warum habt ihr die Menschen nicht in natürlichem Habitat fotografiert?

Monika: Das war ein bewusster Entscheid, um auf die Personen, die Menschen, zu fokussieren. Im Gegenzug zu unserem vorherigen Projekt About Americans, wo wir die Menschen in der Umgebung fotografiert haben, ging es diesmal um die Personen. In diesem Sinne wählten wir einen demokratischen Hintergrund.

Versteht ihr eure Arbeit als Kunst oder Dokumentation/Journalismus?

Monika: Als Fotografen müssen wir das glücklicherweise nicht definieren. Doch kommt es auf den Kontext an, wie und wo unsere Arbeiten gezeigt werden. Wichtig ist uns eine gewisse Ästhetik – und Inhalt. Viele unserer Projekte thematisieren gesellschaftliche Themen und beobachten soziale Konflikte wie Armut, Rassismus oder Klimawandel. Diese Herangehensweise hat durchaus eine journalistische Komponente. Letztlich leben unsere Bilder von einer Kombination aus Inhalt und Ästhetik. Daher kann man sie genauso gut institutionell zeigen, etwa in Museen, sowie in Magazinen.

Zu welchen Schlussfolgerungen kann die Ausstellung – und in diesem Sinne auch die Besucher*innen und Rezipient*innen der Werke – im Idealfall kommen? Was ist euer Anliegen mit dem Projekt?

Mathias: Diese tiefgreifende Spaltung ist ein Phänomen, das sich nicht nur in den USA beobachten lässt. Mit unserer Arbeit möchten wir uns mit einem Thema auseinanderzusetzen, die Menschen näher verstehen können.

Monika: Unser Anliegen ist es zu zeigen, dass sich bestimmte komplexe Themen nicht verallgemeinern lassen. Man kann nicht vom Einzelnen auf das Allgemeine schliessen, also sagen: So ticken die Republikaner, so die Demokraten. Es geht immer um Menschen, um das Individuum. Nehmen wir als Beispiel die Waffen-Ladenbesitzerin Pamela. Eine überzeugte Trump-Anhängerin, die ihre erste Waffe bereits vor dem Kindergarten besass. Trotzdem war sie eine total sympathische Frau.


Pamela Burke (49) Gun shop owner Meshoppen, PA                                                                    Nicholas A. Granter (34)US Marine drill instructor MCRD Parris Island, SC

Auch wenn uns ein Blick in die Zukunft im Moment vielleicht nur vage Bilder an uns heranträgt: Welche Rolle können eurer Meinung nach Fotografen bei der Gestaltung einer besseren Zukunft spielen?

Mathias: Als Fotografen sind wir Storyteller. Menschen stehen immer stellvertretend für etwas, für Ungleichheiten oder soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder den Klimawandel, der in unserer Arbeit sehr zentral ist. Als Fotografen können wir Denkanstösse vermitteln. Uns geht es darum, Themen anzusprechen  und diese Themen in Form von Ausstellungen, Artist Talks, Publikationen und so fort mit der Gesellschaft zu teilen, um den Diskurs fortzuführen. Wir haben den gewissen Luxus, uns als Fotografen mit dem Medium Fotografie mit gesellschaftlichen Problemen und Themen auseinanderzusetzen.

Monika: Letztlich geht es uns auch darum, den leisen, ungehörten Stimmen der Gesellschaft zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.


Braschler/Fischer – Divided We Stand, 17.10–22.11.2020, MASI LAC
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