Erlenwald

Fotokünstler Sandro Livio Straube im Interview

Während vier Jahren durchstreifte Sandro Livio Straube das Bündner Val Lumnezia und nennt die in diesem Zeitraum entstandenen Aufnahmen Berge bleichen. Die analoge Mittelformatkamera als bevorzugtes Medium und die Begrenzung einer fixen Brennweite sowie den räumlichen Perimeter, führte zu einer gesuchten Enge und damit zu einer intensiveren Wahrnehmung. Die Aufnahmen zeigen, was nicht selten nur noch in unseren Erinnerungen existiert. Letztes Jahr, mitten im Lockdown, wird die Arbeit erstmals als Einzelausstellung in der Galerie 94 präsentiert. Virtuelle Gruppenausstellungen an der Photo Basel und Photo LA folgen. Dieses Jahr gewann der Zürcher Fotograf und Künstler den Merit Scholarship der Chico Hot Spring Reviews, ein Programm, das Beziehungen zwischen Künstlern und Fachleuten der Branche fördert und die teilnehmenden Fotograf*innen mit namhaften Fachleuten der Branche, Galeristen, Museumskuratoren und Fotobuchverlegern vernetzt. Aktuell arbeitet der gebürtige Zürcher an einer neuen Serie mit dem Arbeitstitel 473 Meter. Wir haben uns mit dem Fotografen und Künstler auf Zoom über persönliche Projekte, Entschleunigung und die Veränderung des Mediums Bild in einer zunehmen perfekten und bildübersättigten Welt unterhalten.

Sandro Livio Straube, geboren 1992 in Zürich, ist Architekt und Fotograf. Das Bild als Medium begleitete ihn während des Studiums an der ETH Zürich konstant und führte nebenbei zu verschiedenen fotografischen und künstlerischen Projekten. Er pendelt zwischen Vella und Wädenswil. Seit letztem Jahr wird er von Sascha Laue und seiner Galerie 94 vertreten. Sie ist eine Kunstgalerie mit Schwergewicht zeitgenössischer und klassischer Fotografie, welche nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler präsentiert.


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Sandro, wie fandest Du zur Fotografie?

Sandro Livio Straube: Vermutlich durch meinen Grossvater. Er hat jeden Moment festgehalten. Seine Geräte, seine Technik faszinierten mich, genauso wie das Bildgedächtnis. Oft erinnert man sich nur über das Visuelle, das Bild, an Dinge. Später schenkte mir mein Vater eine 35mm Kamera. Fotograf zu werden, stand jedoch nie auf dem Plan.


Stattdessen hast du an der ETH Architektur studiert, und bist neben deiner Tätigkeit als Fotograf und Künstler auch Architekt.

Die Architektur war für mich immer schon mehr als einfach Modellarbeit. Architektur ist eine Baukunst. Dahinter steht ein Bild, ein Abbild. So konzentrierte ich mich schon in meiner Diplomarbeit primär auf Bilder von Entwürfen, und darauf, was ein Bild mitteilen und kommunizieren kann. Heute sind meine beiden Tätigkeiten fliessend, wobei die Fotografie mittlerweile im Vordergrund steht. Auf einmal bewegte sich meine Arbeit als Architekt ebenfalls in Richtung Fotografie, in dem Sinne, dass ich beispielsweise Baustellen oder Architekturmodelle fotografisch begleite und dadurch einen neuen Blick für die Architektur entwickle.

 

Während fünf Jahren fotografierst du im Bündner Val Lumnezia und nennst die Serie Berge bleichen. Die Arbeit stellt deine erste öffentliche Präsenz als Fotograf dar. Wie entstand die Idee dazu?

Mit meinen Eltern reiste ich als Kind viel umher und hielt mich nie lange an ein und demselben Ort auf. Zum ersten Mal hatte ich Heimweh nach einem Ort, wo ich ankommen kann. Schon in der Kindheit war ich oft in Vella, und jedes Mal, wenn ich den Ort verlassen musste, verspürte ich diese Sehnsucht. So entschied ich, etwas dagegen zu tun und zog dorthin. Die Bilder hatte ich schon im Kopf.


Worum geht es bei Berge bleichen?

Im Grunde stellt Berge bleichen eine Flucht aus der übersättigten Dichte unserer Gesellschaft dar, in der wir uns bewegen. Eine Flucht in eine Welt, die keinerlei Anspruch auf Sinn und Glanz hat – ein Ort, den man komplett sich selbst überlässt. Das ist eine Qualität, die nicht mehr oft anzutreffen ist. Stets achten wir darauf, ein gutes Abbild von allem zu haben. Berge bleichen steht sinnbildlich für diese Entschleunigung in einer zunehmend perfekten und übersättigten Welt.


Was hat der Titel Berge bleichen auf sich?

Das Tal des Lichts (auf Romanisch Val Lumnezia) ist geprägt von Sonne und fahlem Licht. Wie die Gesellschaft, wirkt auch die Umgebung ausgebleicht, ungesättigt. Berge bleichen durch vielfältige Weise. Sie selbst, durch Erosion, Sonne, Regen. Sie bleichen aber ebenso ihre Umgebung, durch ihre pure Kraft und Masse von Gesteinsformation. Diese Wechselbeziehung finde ich spannend und unglaublich schön.


Wie bist du an das Projekt herangegangen?

Berge bleichen ist ein sehr persönliches Projekt. Ich distanzierte mich dabei von meinen alltäglichen Verpflichtungen und auch von meinem sozialen Umfeld. Normalerweise stand ich morgens auf, unwissend, was ich fotografieren werde, ausser, dass ich mich im Tal bewegen werde. Mich auf diesem begrenzten Perimeter immer wieder herauszufordern, etwas Neues zu sehen, fasziniert mich. Verrückt ist, dass noch im letzten Monat vor der Ausstellung ein letztes Bild dazu kam. Daran ging ich jahrzehntelang einfach vorbei. Dieses eine Bild zu finden, das treibt mich bis heute an.


 War immer klar, dass du die Fotografien ausstellen wirst?

Überhaupt nicht. An der Arbeit fotografierte ich bereits, bevor ich überhaupt wusste, dass daraus eine Arbeit werden soll. Bewusst an der Serie arbeitete ich erst die letzten zwei Jahre. Erst Ende 2019 kam ich mit meinem heutigen Galeristen, Sascha Laue, in Austausch. Er stieg sofort darauf ein.


Was bedeuten dir Ausstellungen?

Dass man als Künstler die eigenen Zweifel für einmal ablegen kann, ist sehr wertvoll. Noch dazu finde ich es schön, dass die Bilder in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.


Kannst du und ein, zwei Bilder nennen, die für dich eine besondere Bedeutung haben?

In gewisser Weise das Bild der Kapelle, die im Schnee verschwindet. Ein Bild, das ich schon als Kind gesehen habe, allerdings nie wusste, wie man es fotografisch festhält. Es steht für Warten, für Geduld. Die Kapelle wurde das Titelbild. Dann gibt es das Bild mit zwei Stämmen, die gegen Himmel ragen. Ein sehr simples Bild. Interessant ist, dass die beiden Baumstämme zwei Wochen später verschwunden waren. Spannend ist, dass viele Bilder existieren bereits nicht mehr. Aufgenommen, sind sie bereits verschwunden. Das Ephemere und Spuren von bereits Vergangenen, das interessiert mich.


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Alle Aufnahmen sind mit analoger Mittelformatkamera und gleichbleibender Brennweite entstanden. Kannst du uns die Technik erklären? Was fasziniert dich daran?

Analog zu fotografieren limitiert einem auf eine schöne Art und Weise. Es braucht Mut und Geduld. Für Berge bleichen arbeitete ich mit fixer Brennweite, was gut war in dem Sinne, dass es mir einen begrenzten Rahmen gab, was manchmal natürlich auch frustrierend sein kann, weil gewisse Bilder dadurch einfach nicht möglich werden. Aktuell arbeite ich wieder mehr digital. Wichtig ist mir, immer offen zu bleiben für neue Prozesse und Techniken.


473 Meter ist also eine digitale Serie?

473 Meter ist klar eine digitale Arbeit. Bilder verändern sich mit meinem Empfinden und meiner Umgebung. Aktuell bin ich in einer neuen Lebenssituation, die eine neue Technik bedingt. Das ist herausfordernd, ungewohnt, doch auch sehr spannend.


Was hat es mit den 473 Metern auf sich?

Ironischerweise beschränkte ich mich wie schon bei Berge bleichen auf einen reduzierten geographischen Radius. 473 Meter war mein erster Schulweg hier in Wädenswil. Mit den Lockdowns und den Bewegungskreisen, die angesichts der Situation immer kleiner wurden, steht 473 Meter für kurze Wege. Durch das Gehen immer gleicher Strecken, verändert sich der Blick. Dass wir uns vielleicht auch einfach mehr damit beschäftigen, was uns umgibt, empfinde ich als eine willkommene Chance. Das mal zu erleben, ist wertvoll.


Die Serie besteht ausschliesslich aus Schwarzweiss Bildern, warum?

Mit Farben assoziiere ich Erinnerungen, Schwarzweiss stellt für mich eine Abstraktion dar, die zeitlos ist. Die Bilder erzählen für sich.


Wie geht es weiter mit 473 Meter?

Was daraus wird, weiss ich noch nicht. Was ich hingegen sagen kann: Es sollen Personen in der Serie vorkommen, und für nächstes Jahr ist eine Ausstellung in Planung.


Deine Zukunftswünsche an und für die Fotografie?

Dass es mehr Freiraum für künstlerische Blickwinkel gibt wäre ein Anspruch an die Fotografie selbst. Dass Fotografinnen und Fotografen diesen freien künstlerischen Blickwinkel auch bei Auftragsarbeiten umsetzen dürfen, wäre ein Wunsch an die Branche.


 

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