Female Views – Carte Blanche für Sabina Bösch

Inmitten turbulenten Zeiten wie diesen lädt «Female Views by Fujifilm» zu einer Neubetrachtung ein. Schweizer Fotografinnen präsentieren im Rahmen eines Carte Blanche-Projekts ihren fotografischen Blick. Eine Reihe, die sich ganz dem weiblichen Blick widmet und eine einfache Mission verfolgt: die Sichtbarkeit heutiger und zukünftiger Schweizer Fotografinnen weiter zu fördern. Im Mittelpunkt steht diesmal die in Zürich lebende freie Fotografin Sabina Bösch, die an der Ecole cantonale d'art de Lausanne ihren Masterabschluss in Fotografie erworben hat. Für «Hoselupf», ein dokumentarisches Fotoprojekt über die Frauensektion des Schweizer Nationalsports Schwingen, wurde sie dieses Jahr mit dem Swiss Design Award nominiert. Für uns porträtierte die Fotografin sechs Frauen aus der Kreativwirtschaft und stellte ihnen die gleichen Fragen, die auch wir ihr gestellt haben. Ihre Vision für Frauen in der Kreativbranche?

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Bereits als Kind war ich kreativ und interessierte mich sehr für Kunst. Doch als ich in meinem Bachelorstudium in Design an der Zürcher Hochschule der Künste die dokumentarische Fotografie behandelte, war ich Feuer und Flamme mit diesem Medium. So studierte ich im Anschluss zwei Jahre Fotografie an der Ecole cantonal d‘art de Lausanne. Nach meinem Masterabschluss machte ich mich direkt selbständig. Was ich an der Fotografie liebe ist, dass ich immer wieder in neuen Welten einzutauchen, Menschen kennenlernen und im Team Visionen verwirklichen kann


Worum geht es in der Serie? Welche Themen werden angesprochen?

Die Serie porträtiert sechs Frauen aus der Kreativindustrie, die in Branchen arbeiten, die noch immer männerdominiert sind. Ich habe mich entschieden, ihnen dieselben Fragen zu stellen, wie mir gestellt wurden. Was muss sich in der jeweiligen Szene ändern, was kann man tun, was sind die Erfahrungen von diesen Frauen? Ich möchte so nicht nur meine Erfahrungen teilen, sondern die Thematik auf andere Branchen der Kreativindustrie ausdehnen, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind,  und entsprechend die mir dargebotene Plattform nutzen. Gegenseitige Solidarität und Verknüpfungen stärken, das ist meiner Meinung nach grundlegend, um etwas zu bewegen.


Kannst du uns deine Herangehensweise an die (Porträt)Fotografie am Beispiel dieser Reihe näher erklären? Wie inspiriert dich, wie gehst du vor, und was ist ausschlaggebend für deine Ästhetik?

Spannend an der Arbeit mit Porträt finde ich, dass die Person sich verletzlich zeigt oder zeigen kann. In der Regel nehme ich mir viel Zeit für eine Person, damit eine Atmosphäre des Vertrauens entstehen kann und ich den Menschen so darstelle, wie er sich selbst am wohlsten fühlt. Das war mir vor allem im Rahmen der Female Views sehr wichtig. Vor dem Porträt habe ich mit allen Beteiligten über ihre Erfahrungen gesprochen. Wir haben gemeinsam entschieden, welches Licht, welche Stimmung sie anspricht. Da ich als Fotografin sonst nur meinen Blick, von aussen, auf die Menschen projiziere, sie jedoch ein anderes Verhältnis zu sich haben, ist mir wichtig ist, dass sie sich auf eine authentische Art repräsentiert fühlen.


Was macht für dich ein gutes Porträt aus?

Ein gutes Porträt ist für mich, wenn es im den Betrachter*innen eine Emotion auslöst, sie berührt. Bei einem Porträt geht es primär um den Menschen in seiner puren Form. Doch schon diese Abbilder können ganze Geschichten erzählen, die berühren. Ich glaube für mich persönlich sind es die ganz individuellen Geschichten und Lebenserfahrungen, was mich so interessiert.


Existiert deiner Meinung nach ein geschlechtstypischer Blick? Ist ein weiblicher Blick wichtig?

Ich möchte glauben, dass es keinen geschlechtsspezifischen Blick gibt. Denn ich denke, dass unser Blick vor allem von dem geprägt ist, was wir sehen und erleben. Da ich aber als Frau geboren und in einer Welt aufgewachsen bin, in der Fotografie mehrheitlich von Männern geprägt wurde, kann ich einen gewissen Einfluss nicht abstreiten. Mich interessiert deshalb auch, wie mein eigener Blick in der Fotografie heute wäre, wenn wir nicht in einem patriarchalen System leben würden. Doch ich denke auch, dass ich durch meine Erfahrungen als Frau eine andere Sensibilität auf gewisse Themen habe, gerade durch die unterschiedlichen Erfahrungen, die ich basierend auf meinem Geschlecht gemacht habe. Inwiefern das meinen Blick konkret beeinflusst, lässt sich nur schwer sagen. Meiner Meinung nach fliessen die Erfahrungen, die man als Mensch macht, in die Art, wie jemand arbeitet ein – egal ob und wie man sich einem Geschlecht zugehörig fühlt. Was ich persönlich für meine freien Arbeiten wichtig finde, sind die Thematiken, die ich behandle. Ich bin überzeugt, dass Fotografie als Medium grosses Potential hat, um Sichtbarkeiten zu fördern. Wie das zum Beispiel in meiner Arbeit über die Schwingerinnen, der Fall war.


Welchen Herausforderungen bist du als Fotografin begegnet?

Eine der grössten Herausforderungen war es, meinem eigenen Anspruch zu genügen und entsprechend meine Arbeit als Fotografin zu vermarkten.


Und wie würdest du dir wünschen, dass sich die Branche verändert? Was können wir (selbst) tun?

Ich würde mir wünschen, dass es in naher Zukunft selbstverständlich ist, dass genauso viele Frauen in der Kreativbranche erfolgreich sind wie Männer. Dass Menschen, die Entscheidungsmacht haben, genauer hinschauen und sich aktiv für mehr Sichtbarkeit und Gleichstellung einsetzten. Wenn ich selber an einem Projekt arbeite, suche ich bewusst die Zusammenarbeit und Solidarität mit Frauen und marginalisierten Gruppen, da ich denke, dass ein Projekt nur von einer Vielfalt an Menschen profitieren kann.

 

Was ist deine Vision für Frauen in der Kreativbranche?

Meine Vision wäre eine Zukunft, in der das Geschlecht keine Rolle mehr spielt und eine solche Frage überflüssig wird. Eine Welt, in der jeder Mensch nur nach seinem Können und nicht nach Herkunft oder Geschlecht beurteilt würde.


Fotografin: Sabina Bösch, represented by Rene Hauser 

Kamera FUJIFILM GFX100

Protagonistinnen: Michelle Akanji, Co-Leiterin der Gessnerallee Zürich

Selina Bernet, freie Type-Designerin

Natascha Vavrina, freie Regisseurin und Kamerafrau

Anissa Todesco aka Amygdala, DJ und Produzentin

Ceylan Öztrük, Künstlerin

Nurit Hirschfeld, Sängerin und Schauspielerin

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