Foto-Knigge Landschaftsfotografie

Martin Mägli

«Die Wirklichkeit der Natur,
mit dem Auge des Geistes betrachtet,
lässt uns ein Echo Gottes vernehmen.»
Amsel Adam

Bereits in seiner Kindheit faszinierten Martin Mägli Natur und Landschaft. Zum 16. Geburtstag erhielt er die erste Kamera. Inzwischen ist er freiberuflicher Fotograf mit einer grossen Leidenschaft für Natur- und Landschaftsfotografie. Jährlich erscheinen hunderte seiner Bilder in Büchern, Magazinen, Kalendern und Prospekten.

12 Tipps, die deine Landschaftsaufnahmen zu etwas Besonderem machen.

Die Welt ist schön. Keine Frage. Und für einen Landschaftsfotografen gibt es fast nichts Besseres als dies mit wundervollen selbstgeschossenen Bildern zu belegen. Doch wie genau gelingen diese atemberaubenden Bilder, die jeden Betrachter so mühelos in ihren Bann ziehen? Einer der besten Landschaftsfotografen der Schweiz, Martin Mägli aus Bern, führt darauf eine nicht ganz ernst gemeinte Antwort zu Felde: Sei einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber eben, ganz so simpel ist es natürlich nicht. Da braucht es neben fototechnischer Fachkenntnis auch viel Know-how in Natur- und Wetterkunde und einen ganz besonderen Charakterzug: Geduld und Hartnäckigkeit.

1. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man.

Das wirklich Spannende an der Landschaftsfotografie ist, dass man nie genau weiss, wie sich die Natur jeweils zeigt. Die Landschaft, das Licht, die Stimmung – alles bleibt zu einem gewissen Teil unberechenbar. Auch mit der besten Vorbereitung kann es dir durchaus passieren, dass die Nebeldecke nun doch einige hundert Meter tiefer liegt als prognostiziert oder der Wind die imposanten Gewitterwolken nun doch zu weit nach links verschoben hat. Und das nach einer stundenlangen Wanderung, dem Hunger, der Kälte… Da braucht es Geduld. Geduld mit Mutter Natur und vor allem Geduld mit sich selbst. Und Hartnäckigkeit. Um das wirklich besondere Landschaftsfoto zu schiessen, heisst es unermüdlich, immer und immer wieder an seine Grenzen zu gehen und Frustrationen auch ab und zu mal wegzustecken. Denn nur schon kurze Zeit später bietet sich dir vielleicht genau das Bild, das du beim Aufbruch zur Location morgens um 3 im Kopf hattest.



2. Interessiere dich nicht nur für Fotografie.

Das Fotografieren in der Natur verlangt neben dem fotografischen Know-how u.a. auch noch Kenntnisse in Biologie und Wetterkunde. Es hilft enorm, die Vegetation vor Ort gut zu kennen. Wann ist die Natur in welchem Zustand? Mit welcher Blätterfarbe kann ich zu dieser Zeit in jener Region rechnen? Um wieviel Uhr geht die Sonne auf? All das gehört zu einer guten Vorbereitung auf einen Foto-Trip in die Natur und erhöht deine Chancen, genau das Bild zu machen, das dir vorschwebt. Martin Mägli fotografiert z.B. sehr gern an der Nebelgrenze. Dazu muss er genau wissen, in welcher Höhenlage er zu welcher Tageszeit mit einer Nebeldecke rechnen kann und wohin dieser sich im Tagesverlauf verschiebt und entwickelt. Und: Wetter ist ein phantastischer Stimmungsmacher: Nebel, Regen oder Wolken sorgen für eine Mystik und Dramatik, die aus normalen Bildern umwerfende Bilder machen.

3. 50% Vorbereitung – 50% Fotografie.

Ein wirklich gelungenes Landschaftsfoto entsteht meist nicht per Zufall. Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Neben dem Studium von Wetter und Natur, dürfen dabei auch ausgedehnte Scouting-Touren nicht fehlen. So entdeckst du neue Locations, spannende Plätze, noch kaum erkundete Gebiete. Zusammen mit einer ungewöhnlichen Perspektive und einer stimmigen Bildkomposition hast du schon mal eine gute Voraussetzung für richtig tolle Bilder. Dennoch: Die Natur folgt ihrem eigenen Plan und zeigt dir die Szenerie nicht unbedingt in genau dem Licht, das du dir erhofft hast. Neben der akribischen Planung brauchst du auch eine gewisse Intuition, einen Instinkt, der dir hilft, vor Ort die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mit zunehmender Erfahrung wirst du feststellen, dass du dich dabei immer häufiger auf dein Bauchgefühl verlassen kannst.



4. Sei Entdecker, Pionier.

Das besondere Landschaftsbild entsteht nur, wenn du das Besondere auch suchst. Viele Sujets und Locations hat man einfach schon zu oft gesehen, als dass sie uns noch staunen lassen. Gegenden, die gut erreichbar sind, wurden eben schon zigmal fotografiert. Du darfst bei deinem Location-Scouting also gerne mal etwas Aufwand betreiben. Wage das Spezielle, geh immer wieder mal neue Wege und entdecke noch unbetretenes Terrain. Schwer zu finden ist dies im Übrigen nicht, liegt es doch meist nur genau einen Schritt ausserhalb deiner Komfortzone. Das ist der Ort wo es beginnt spannend zu werden. Für dein nächstes einmaliges Bildmotiv aber auch für dich als Persönlichkeit. Wie weit bist du bereit zu gehen? Welche Entbehrungen nimmst du dafür in Kauf? Schläfst du noch eine weitere eiskalte Nacht in deinem Zelt bei schon schwindendem Proviant? So entdeckst du zum einen neue Landschaften von atemberaubender Schönheit und gleichzeitig ganz neue, interessante Seiten an dir. Was kann es Spannenderes geben?



5. Nimm mit soviel wie geht.

Wenn es um Fotoequipment geht, gibt es so viele Meinungen wie Brennweiten. Und zwar nicht nur in Bezug auf die grosse Palette an Herstellern, sondern auch mit Hinsicht auf «Wie viel ist genug?» Für einen Landschaftsfotograf, der naturgemäss viel umher läuft sollte eigentlich der Leitsatz «weniger ist unbedingt mehr» gelten. Nicht so jedoch für Martin Mägli. Der Berner hat es überhaupt nicht gern, sich diesbezüglich einschränken zu müssen und hat stets die ganze Palette an Brennweiten dabei. Und nicht nur das, sondern oft auch: Zelt, Schlafsack, Kocher… Mit 30 kg Gepäck durch den tiefen Schnee, da kommt man schon mal ans Limit. Grenzerfahrungen jenseits der Komfortzone eben.

Seine FUJIFILM GFX50S würde er um keinen Preis mehr hergeben und er nutzt diese liebend gern in jeder Situation mit jedem erdenklichen Objektiv – von Weitwinkel bis Tele. So behält er sich die Freiheit, seinen Ansprüchen entsprechend immer mal wieder zu wechseln – erst so kann für ihn das perfekte Bild entstehen.

6. Mach dein Ding.

Strebe als Fotograf deinen eigenen Stil an. Um sich von der Masse abzuheben, bleibt es wichtig, das Neue, das Unbekannte erkunden zu wollen. Diesen Anspruch verfolgen jedoch längst nicht alle Fotografen. Kurioserweise ist Martin Mägli nämlich schon anderen Fotografen begegnet, mit einer seiner Landschaftsaufnahmen in der Hand, um genau dieses Foto nachzustellen. Das mag im Lernprozess ein probates Mittel sein, um die vielfältigen Möglichkeiten der Landschaftsfotografie besser zu verstehen, seinen eigenen Stil findet man so aber natürlich nicht. Finde heraus, welche Art Landschaftsbilder dir gefallen und zieh dann deinen Stil konsequent und konstant durch. So erreichst du mit deinen Bildern ein gewisses Alleinstellungsmerkmal mit hohem Wiedererkennungspotenzial.

7. Freude macht das beste Bild

Martin Mägli war doch tatsächlich bereit, uns auch sein allergrösstes Berufsgeheimnis zu verraten:

Geniesse, was du tust. Und bleibe möglichst selbstbestimmt dabei. Eigentlich heisst es, man könne in der Schweiz kaum von der Landschaftsfotografie leben und tatsächlich gibt es wohl nur eine Handvoll Fotografen, denen das gelingt. Er selbst ist schrittweise zur Fotografie gekommen und hat seinen heutigen Beruf aus einem intensiven Hobby heraus entwickelt. Die Freude am Tüfteln und Fotografieren hat er sich dabei immer bewahrt und geht bis heute so richtig auf in seiner Arbeit. Bei Auftragsarbeiten ist er immer besonders wachsam. Trotz Vorgaben und «Leitplanken» versucht er stets einen freien Kopf zu bewahren und seinem Stil treu zu bleiben. Wer sich beim Fotografieren zu sehr am Markt orientiert oder auf Social Media Likes hofft, läuft schnell Gefahr, nicht mehr seine eigenen Bilder zu machen.



8. Die Realität sollte genügen

Heute hat die Bildbearbeitung längst auch ihren Weg in die Landschaftsfotografie gefunden. Und das ist auch gut so. Selbst bei einem hochqualitativ aufgenommenen Foto, holst du doch erst am Bildschirm daheim das Optimum aus dem Bild heraus. Erst durch gezielte Akzentuierung und Veredelung, z.B. durch Weissabgleich, Überprüfung der Sättigung sowie Rauschreduzierung entfaltet ein Bild sein volles Potenzial. Kritisch zu betrachten ist die Bildbearbeitung laut Martin Mägli vor allem dann, wenn das Ergebnis die Realität entfremdet. Wenn ganze Wolkenformationen verschwinden – oder dramatisch hinzugedichtet werden. Ein gutes Bild entsteht für ihn in der Natur, nicht am Computer. Aber bei diesem Thema gehen die Meinungen in weitem Winkel auseinander – wie so oft alles eine Frage des Geschmacks und der persönlichen Philosophie.

9. Licht bitte. Aber richtig.

Fotografieren ist eigentlich ganz einfach. Alles, was man dazu braucht ist Licht. In der Landschaftsfotografie meinen wir dabei natürlich das Tages- oder Nachtlicht. Jetzt müssen wir also nur noch an der grossen gelben Lampe im Himmel den Schalter zum Dimmen oder Aufhellen finden und sie ggf. an den richtigen Ort schieben oder sogar hinter dem Horizont verschwinden lassen. Tja, schön wär’s! Dennoch ist das Licht der alles entscheidende Faktor. Die schönsten Lichtstimmungen für die Landschaftsfotografie erleben wir häufig in der «goldenen» oder «blauen» Stunde, wenn das Licht die Szenerie weicher erscheinen lässt. Wolken und Nebel können dabei das Motiv noch zusätzlich spannender gestalten. So kann es dir als Fotograf durchaus passieren, dass selbst an Orten, die bereits zigmal abgelichtet wurden, gerade im richtigen Moment und exklusiv für dich, ein schlanker Sonnenstrahl durch die Wolkendecke sticht. Und du so einen wirklich einmaligen Moment eingefangen hast.



10. Kein Vorder- ohne Hintergrund

In der Landschaftsfotografie bedingen sich die verschiedenen Bildebenen ständig. Als zweidimensionales Abbild der Realität liegt die Hauptaufgabe bei der Bildkomposition darin, einen Eindruck von Räumlichkeit zu erwecken. Ein Motiv im Vordergrund braucht also eines im Hintergrund und umgekehrt. Blumen im Vordergrund und eine Felsformation weit dahinter schafft eine Tiefe und eine klare Schichtung der Ebenen, aber Vorsicht: Es ist wichtig, dass sich beide Ebenen gleichermassen schön darstellen. Hässliche, welke Blumen vor einer perfekt geschwungenen Bergkette funktionieren einfach nicht. Das stört die Harmonie und das Bild wirkt nicht mehr stimmig. Am stärksten wirken Bilder mit mehr als zwei Tiefenebenen. Wenn z.B.  Nebelschwaden, Wolken oder Vögel sich mittig durchs Bild erstrecken und ihm so noch eine weitere Ebene verleihen. Das Abgrenzen der einzelnen Tiefendimensionen hat sicher schon so manchen Landschaftsfotograf recht herausgefordert.



11.  Mit oder ohne Filter?

Grundsätzlich ist der Dynamikumfang der Kameras mittlerweile viel besser geworden und der Einsatz von Filtern entsprechend weniger wichtig. Dennoch gibt es gerade in der Landschaftsfotografie immer wieder Gelegenheiten, wo ein Filter durchaus Sinn macht. So sorgt der Polarisationsfilter für richtig satte Farben und mit dem Graufilter sind extralange Belichtungszeiten möglich, z.B. um fliessende Gewässer auf eindrucksvolle Weise wie eine Nebelschwade erscheinen zu lassen. Auch ein Verlaufsfilter hat durchaus seine Berechtigung, kann er doch für eine ausgeglichene Belichtung sorgen. Martin Mägli empfiehlt den Filtereinsatz immer als bewusste Entscheidung und nicht als ersten automatisierten Handgriff wie er es oft bei anderen Fotografen beobachten. Beim Thema Filter gilt für ihn nun tatsächlich «weniger ist mehr».



12. Und? Gut geworden?

Den Test, ob eine Fotografie gelungen ist, kann man relativ leicht machen. Wenn man es schafft, dass ein Betrachter länger als zwei Sekunden darauf schaut, dann ist es ein gutes Bild. Aber warum? Offensichtlich weckt das Bild Emotionen. Eine tiefe Sehnsucht, ein Träumen oder vielleicht den Wunsch, sich selbst an diesem Ort zu befinden. Rein handwerklich betrachtet sollte es folgende Kriterien erfüllen: Die Bildkomposition wirkt stimmig und stimmungsvoll und erzeugt ein Gleichgewicht aus Harmonie und Spannung. Es lebt durch brillante, subtile oder monochrome Farben und einem hohen Dynamik-Umfang, der dem menschlichen Auge möglichst nahe kommt. Die Tiefendimensionen sollten eine plastische, dreidimensionale Wirkung entfalten und dabei häufig viele Details scharf abbilden. Klingt alles recht technisch und wie aus dem Lehrbuch, stimmt schon. Ja, in Worte fassen kann man eine gelungene Landschaftsfotografie eben kaum, das Staunen darüber jedoch, das ist ganz leicht.

Schlusswort

«Wenn ich in der Natur unterwegs bin, erfüllt mich stets eine tiefe Ehrfurcht. Ich hoffe, dass ich mit meinen Fotos ein Stück dieser Schönheit der Natur zeigen kann.»

Martin Mägli

Und so wünschen wir auch dir nun viel Freude und jede Menge eindrückliche Erlebnisse auf der Jagd nach deinem nächsten, wirklich ganz besonderen Landschaftsfoto. Vielleicht helfen dir ja unsere Tipps dabei. Herzlichen Dank auch an Marti Mägli für seine interessanten und inspirierenden Einblicke in seinen spannenden Beruf. Ihr findet alles über ihn unter www.naturbild.ch.

Schreibe einen Kommentar