Street Photography im Fotomuseum Winterthur

In Momentaufnahmen vergangener Epochen wird unsere Aufmerksamkeit oftmals von zeitgeistigen Details angezogen: Frisuren, alte Autos, Mode, verschwundene Strassenbilder, Menschen, die miteinander kommunizieren und interagieren. Dieses Momentum einzufangen ist der Street Photography eingeschrieben. Sie bildet das öffentliche Leben in Grossstädten ab. Sie porträtiert Menschen in alltagstypischen Strassenszenen auf urbanen Räumlichkeiten. Es ist diese dokumentarische Komponente der Street Photography, das immer jeweils Zeitzeugnisse einer ganzen Ära hervorbringt. Das Fotomuseum Winterthur bietet im Rahmen der neu eröffneten Ausstellung “Street. Life. Photography” faszinierende Einblicke in sieben Jahrzehnte Street Photography. Wir haben mit der Kuratorin der Ausstellung und Kuratorin der Deichtorhallen Hamburg, Sabine Schnakenberg, über die Ausstellung gesprochen.

Warum ist es gerade in aussergewöhnlichen Zeiten wie diesen wichtig, sich für die Vermittlung und Ausstellung von Fotografie zu engagieren?

Fotografien sind ein Abbild jeweils vergangener Zeitgeschichte. Sie sind deshalb zu jedem Zeitpunkt wichtig. Dazu kommt die Sicht des Fotografen, dessen individueller Charakter in der Herangehensweise, der Motivwahl, der Wahl des Ausschnitts, der Farbigkeit und der Bearbeitung zum Ausdruck kommt. Jeder Fotografie haftet immer etwas an, das sie entweder thematisch und inhaltlich bestimmt – wie dies bei der Street Photography doch sehr eindeutig ist – oder auch medial bestimmt sein kann. Im Sinne eines zeiteigenen Gefühls, einer zeitbedingten Sichtweise, eines Moments der Erinnerung, von der jede Fotografie aufgrund des Mediums ohnehin erfüllt ist.

Die im Fotomuseum Winterthur eröffnete Ausstellung „Street. Life. Photography. Street Photography aus sieben Jahrzehnten“ widmet sich einem Genre der Fotografie, das das Leben im öffentlichen Raum abbildet. Wie entstand die Idee zur Ausstellung?

Die Idee entstand durch die Bestände, die in der Sammlung F.C. Gundlach liegen, doch nur teilweise oder überhaupt noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Die Ausstellung präsentiert entsprechend klassische Ikonen der Street Photography, die F.C. Gundlach gesammelt hat, aber nicht in Ausschliesslichkeit. Als Sammlungskuratorin ist es spannend, mögliche Ansätze auszuprobieren, etwa wie und ob klassische Ikonen in Verbindung mit junger Streetphotography zusammen wirken können. Können sich die Arbeiten miteinander vereinbaren lassen? Welche Schlüsse werden möglich über die jüngeren Positionen? Kann die Geschichte der Street Photography fortgeschrieben werden? In welche Richtung entwickelt sie sich? Funktioniert sie digital anders als analog?

Welche zentralen Themen der Street Photography beinhaltet die Ausstellung?

Zentraler Ansatz ist die Gruppe „Street Life“. Sieben Jahrzehnte Street Photography treffen hier aufeinander. Allen gemeinsam ist, dass sich die Strasse – im Moment der Fotografie – zur Bühne entwickelt und die Passantinnen und Passanten zu Performerinnen und Performern ihrer eigenen Alltäglichkeit. Es sind diese Archetypen von Passanten, um die es in dieser Gruppe geht: Wie verhalten die sich über die Jahrzehnte, was verändert sich? Wie unterschiedlich gehen die Fotografinnen und Fotografen auf sie ein? Gibt es Tendenzen, die immer wiederkehren?

Existieren solche?

Verschiedene thematische Gruppen wurden ausgemacht, wie etwa Public Transfer – das Leben in der hermetisch abgeschlossenen Parallelwelt des täglichen Transports, Alienation – verfremdende Effekte in der Fotografie, aber auch solche, die in den Fotografien latent enthalten sind und den Betrachter möglicherweise irritieren, Anonymity – eine Gruppe, die die unterschwellige Furcht vor Vereinzelung und Einsamkeit thematisiert und Crashes – diese Gruppe beschäftigt sich mit Zusammenstössen jeglicher Art, thematisch wie auch im übergeordneten Sinne.

Zu welchen Schlussfolgerungen, wenn überhaupt, kann die Ausstellung  – und in diesem Sinne die Besucherinnen und Besucher – idealerweise kommen?

Möglicherweise ein Gespür für alte und neue Fotografie auf der Strasse zu entwickeln. Und dann sofort mit dem Fotografieren anzufangen.

„Street. Life. Photography“ präsentiert insgesamt 36 Positionen und über 220 Werke, die in den letzten siebzig Jahren entstanden sind. Wie wurden die Werke der 36 Künstler*innen ausgewählt: welche Kriterien waren für Sie als Kuratorin ausschlaggebend?

Die Urfassung der Ausstellung ist im Haus der Photographie in den Deichtorhallen in Hamburg gezeigt worden. Dort gab es etwa 350 Arbeiten zu sehen, die in insgesamt sieben Gruppen aufgeteilt waren. Die Ausstellung wanderte dann nach Wien und nun nach Winterthur und ist individuell den Raumgrössen inhaltlich modifiziert und minimal umgestellt worden. Die 36 Positionen sind diejenigen, die den Besuchern in Hamburg ganz besonders gefallen und sehr oft sofort Rückmeldung erhalten haben. Witzigerweise sind es diejenigen Gruppen und Arbeiten, die bei vielen fast unmittelbar eine ziemlich starke emotionale Reaktion auslösen. Diese Reaktionen habe ich für die Orte Wien und Winterthur noch einmal komprimiert. 

Die Umsetzung der Ausstellung mag angesichts aktueller Umstände eine Herausforderung gewesen sein. Worauf freuen Sie sich trotz der Widrigkeiten am meisten?

Konzeption und Umsetzung waren kein Problem, da die Arbeit an der Ausstellung bereits 2016 einsetzte. Dort war die Welt bekanntlich noch in Ordnung. Spannend wurde es erst in Winterthur – jetzt freue ich mich umso mehr auf die Reaktion der Besucher*innen und vielleicht auch der Presse in der Schweiz. Ob sie wohl andere Punkte bemerkenswert finden als die Besucherinnen und Besucher in Deutschland oder Österreich?

Und können Sie uns ein, zwei Arbeiten nennen, die für Sie eine besondere Bedeutung innehaben?

Arbeiten mit besonderer Bedeutung sind immer ganz klar Arbeiten mit psychologisch konzentrierter Wirkung: Diane Arbus, William Klein, Dougie Wallace, Merry Alpern, Michael Wolf, Loredana Nemes, Andrew Savulich, Harri Pälviranta – nur um einige zu nennen.


Aus der Ausstellung „[SPACE] STREET. LIFE. PHOTOGRAPHY“ Deichtorhallen Hamburg/Haus der Photographie 8. Juni – 21. Oktober 2018
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Aus der Ausstellung „[SPACE] STREET. LIFE. PHOTOGRAPHY“ Deichtorhallen Hamburg/Haus der Photographie 8. Juni – 21. Oktober 2018
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