Der Foto-Knigge der Still Life-Fotografie

9 Tipps für Still Life mit Stil.

Keine aufgehende Sonne, keine spektakulären Wolkenformationen, keine Gesichter, die mit ihrer Mimik für Emotionen sorgen. Beim Still Life passiert grundsätzlich gar nichts, ohne dass du es selbst inszenierst. Hier liegt wohl der wesentliche Unterschied aber auch die grösste Schwierigkeit und der ganz besondere Reiz der Still Life-Fotografie: ein Bild mit den eigenen Ideen und Händen von Grund auf zu kreieren und dabei ganze Welten vor deinem Sucher zu erschaffen, die Emotionen erzeugen und den Betrachter packen. Die Frage ist nur, wie geht das? Genau das haben wir Pascale Weber gefragt, die sich seit 10 Jahren der Still Life-Fotografie verschrieben hat. Ihrer Antworten sind so faszinierend und überraschend wie eine gut gemachte Still Life-Aufnahme.

 

1.Bleibe immer ein bisschen Künstler.

Warum machst du Still Life-Bilder? Entweder du bist der Künstler, der völlig frei ist und mit viel Leidenschaft alles tut für eine verblüffende Inszenierung. Oder du hast Aufträge mit klaren Anweisungen und arbeitest mit Magazinen und Marketingverantwortlichen zusammen. Du merkst schon: dazwischen liegen Welten. Bist du Künstler, kannst du zwar alles tun, wirst es aber wahrscheinlich schwieriger haben, von Anfang an Geld zu verdienen. Arbeitest du für ein Magazin oder für die Werbung, kannst du verdienen, aber längst nicht alles tun. Spätestens in der Werbung ist das Produkt der Held und du arbeitest nach Stilrichtlinien des Unternehmens und einer klaren Meinung deines Auftraggebers. Hier ist es viel schwieriger, sich selbst einzubringen und seine volle Kreativität auszuleben. Pascale Weber versucht jedoch auch hier, immer das Kunstvolle in ihren Aufnahmen beizubehalten. So gelingt es ihr, nie langweilig zu werden, ihren eigenen Stil zu etablieren und vor allem, nie den Spass zu verlieren. Auch der Produktfotografie aus der Welt der Werbung einen kunstvollen Anspruch zu verleihen, macht für Pascale den besonderen Reiz aus. Sobald sie sich mit ihrem reduzierten, minimalistischen Stil und ihrer ganzen Kreativität in einen Auftrag einbringen kann, ist sie in ihrem Element. Und wir in ihrem Bann.

Bleibe auch du immer ein bisschen Künstler, egal wie kommerziell das Ziel deiner Arbeit ist. So sorgst du für verblüffende Überraschungen in deinen Inszenierungen und es entsteht eine Spannung in deinen Still Life-Aufnahmen, der sich das Auge des Betrachters kaum entziehen kann.



2.Weisst du was du willst?

Eine perfekte Vorbereitung ist der Schlüssel zu einem gelungenen Still Life-Bild. Mache dir also bevor du loslegst erstmal ausreichend Gedanken. Ausgehend vom Produkt als Objekt der Begierde solltest du genau wissen, welche Geschichte du dazu erzählen möchtest. In welchem Stil? In welcher Stimmung? Mit welchen Requisiten und Materialien? Mit einem Mood-Board kannst du diese Überlegungen zusammenfassend darstellen und so einen allerersten Eindruck von deiner Idee vermitteln.

Und erst mit einer treffenden Idee wird dein Still Life-Bild so richtig überzeugen. Sie ist das Wichtigste und darauf baust du alles auf. Die technischen Aspekte des Fotografierens – die passende Einstellung, das richtige Objektiv, das beste Licht – kann schliesslich jeder erlernen. Deine perfekte Still Life-Aufnahme jedoch lebt von seiner Ausstrahlung und die kommt mit der kreativen Idee. Wisse also ganz genau, wie du das Bild arrangieren willst, bleibe aber dennoch offen für spontane Zufälle.

 

3.Halte die Zeit an.

Die Still Life-Fotografie ist vor allem eines: still. Still und bewegungslos. Und das ist grossartig, denn es bedeutet, dass du die absolute und volle Kontrolle über das Geschehen hast. Du wählst die Oberflächen und den Hintergrund, die Materialien und Requisiten, bestimmst die Lichtstimmung und schliesslich das Arrangement der eigentlichen Inszenierung. Du hast alles in der Hand.

Lass dir also Zeit beim Composing – und bringe dabei gewissermassen auch die Uhr zum Stillstand. Denn so kannst du dich mit jedem noch so kleinen Detail befassen und dabei mit allen möglichen Variablen spielen – bis alles sitzt. Sei also geduldig mit dir und deinem Werk. Das Licht vielleicht von ein paar Zentimetern weiter vorne? Lieber ein ganz leicht dunkleres Grün beim Moos im Vordergrund? Sag ich doch: sei geduldig – und ausdauernd. Du bist der Regisseur an deinem Set. Du bestimmst, wenn deine Komposition fertig ist und trägst die Verantwortung für das Ergebnis.



4.Sei ein Team.

Jetzt haben wir dir gerade erzählt, dass du für dein Still Life Bild ganz allein verantwortlich bist. Das stimmt aber nur bedingt. In Pascales Fall verhält es sich z.B. so, dass sie sich liebend gern Inspirationen oder Meinungen anderer Personen holt. Es hilft enorm, wenn du Leute kennst, mit denen du deine Idee perfekt umsetzen kannst. Manchmal brauchst du einen Coiffeur, nächstes Mal einen Steinmetz und ggf. deine Mutter, die völlig überraschend den alles entscheidenden Kniff beiträgt. Insbesondere ist es hilfreich, gute Stylisten in deinem direkten Umfeld zu haben. Mit ihrem nochmal besonderen Blick und ihren Kenntnissen über Mode und aktuelle Trends verschaffen sie dir einen enormen Vorteil. Ganz so einsam, still und leise geht es bei Pascales Still Life-Fotografie jedenfalls nicht zu und her.

 

5.Sei ein Detektiv

Yes. Du hast sie. Die perfekte Idee. Genau so soll das Bild aussehen. In deiner Vorstellung ist bereits alles fix fertig und vor deinem geistigen Auge brauchst du jetzt nur noch den Auslöser zu betätigen. Allerdings…

Meist beginnt mit der Idee der ebenso spannende wie aufwendige Teil deiner Arbeit: die Recherche. Du willst Gegenstände vereisen, die Haut von Models mit Farbe besprühen, du brauchst eine alte Marmorplatte oder süsse Kätzchen als Nebendarsteller? Du bist aber weder Material-Wissenschaftler, noch Chemiker, noch Tierpfleger. Aber: du bist Detektiv. Recherchiere breit und ebenso tief, quasi in alle Himmelsrichtungen und versuche so viel über deine Requisiten oder das eigentliche Objekt herauszufinden wie du kannst. Bis du bestens Bescheid weisst oder wenigstens jemanden weisst, der bestens Bescheid weiss. Klingt ein wenig mühsam? Ist aber höchst interessant und vor allem entscheidend, wenn du das perfekte Arrangement ablichten willst. Wie war das noch gleich? Ach ja: Geduld und Ausdauer.


 

6.Sei ein Sammler

Jetzt denkst du bestimmt, hier kommt der Tipp mit den regelmässigen Flohmarktbesuchen, stimmt’s? Damit du immer einen Keller voll mit möglichen Requisiten hast, auf die du regelmässig zugreifen kannst. Ja, ein grosser Fundus an «Props», wie sie in der Film- und Fotosprache heissen, ist sicher super aber wir meinen noch etwas anderes: Sammle Eindrücke. Viele. Überall und jederzeit. Hier eine interessante Struktur an der Wand, dort ein spannendes Material mit besonderer Oberfläche oder ein eigentlich nur zufällig gestapelter Haufen Steine am Strassenrand, der dir die entscheidende Inspiration gibt. Mach es wie Pascale und gehe durch dein Leben mit genau diesem offenen Blick. Einem Blick für Details. Und glaub uns ruhig: irgendwann wirst du diese Eindrücke brauchen und verdammt froh sein, wenn sie zwar nicht im Keller sondern in deinem Oberstübchen einen Lagerplatz bekommen haben.

 

7.Disharmonie ist spannender als Harmonie

Der französische Begriff für Stillleben lautet übrigens: «nature morte». Tote Natur. Die grosse Kunst der Still Life-Fotografie besteht für dich nun also darin, das Objekt, oder in Pascales Fall vielfach: das Werbeprodukt, gewissermassen zum Leben zu erwecken. Oder anders gesagt: Die Handtasche muss lebendig sein. Tatsächlich! Und wie soll das bitteschön gelingen? Erzeuge Emotionen. Setze verschiedene Gegenstände zueinander in Beziehung. Über ihre Formen, ihr Material, die Farbgebung, den Lichteinfall…

Und überrasche dabei. So entsteht eine Geschichte, Balance, Harmonie – oder manchmal fast noch lieber: Disharmonie. Wie im richtigen Leben sind doch oft die Dinge interessant und spannend anzuschauen, die eine gewisse Unregelmässigkeit mitbringen. Der unerwartete Farbverlauf in einer überraschenden Oberflächenstruktur, der Riss in der Fassade eines alten Gemäuers… Ein richtig gutes Still Life löst beim Betrachter Emotionen aus.



8.Sei mutig. Und sag deinem Kunden, er soll mutig sein.

Wir kennen das alle: Frage 7 Leute nach einer Stellungnahme und du erhältst wahrscheinlich 7 verschiedene Ansichten. Versuchst du nun, allen Standpunkten gerecht zu werden, ist das Ergebnis bereits klar: Es entsteht genau 1 Einheitsbrei. Pure Mathematik. Oder besser: Psychologie. Habe den Mut und das Selbstbewusstsein, deinen eigenen Stiefel durchzuziehen und vieles einmal anders zu machen, als man es schon 135 Mal gesehen hat. Finde und verfeinere deinen eigenen Stil. Denn hast du erst eine eigene Handschrift entwickelt, fällst du auf. Kunden werden auf dich aufmerksam und buchen deine Künste, vielleicht eben genau aufgrund deiner speziellen Art, Produkte zu inszenieren. Natürlich darfst dabei du nie ignorant werden gegenüber den Kundenwünschen – der Kunde ist und bleibt König. Aber ihn gelegentlich aus seiner Komfortzone zu locken, das musst du immer wieder versuchen.

 

9.Dein Leben als Still Life

Zum Glück hast du neben den Kundenwünschen, die es zu erfüllen gilt, ja auch noch einen eigenen Kopf. Einen Kopf voller Ideen und gesammelter Eindrücke (du erinnerst dich?). Ideen, die nur darauf warten, endlich von dir realisiert zu werden. Bei diesen Herzensprojekten, die dich und dein Leben ausmachen, redet dir niemand rein. Hier bist du ganz und gar dein eigener Chef. Also, verlasse auch du ganz bewusst immer wieder deine Komfortzone und betrete mutig Neuland – mit eigenen Projekten. Sei es im technischen Bereich oder mit einem völlig neuen Stil, der dich plötzlich reizt. Probiere dich aus in diesen freien Arbeiten, für die der einzige Lohn deine Zufriedenheit und Erfahrung ist. Pascales Katzenkalender ist auf diese Art entstanden: eine Idee, ein Kalender, ein Erfolg.



Und nun wünschen wir euch viel Freude beim Erschaffen eurer eigenen, persönlichen Welten in Form von emotionalen und beeindruckenden Still Life-Aufnahmen. Einen herzlichen Dank an Pascale Weber und ihren inspirierenden Einblick in ein alles andere als stilles Leben einer Still Life Fotografin. Ihr erfahrt mehr über sie und ihre Arbeit unter: pascale-weber.com

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