Damit kommt nur noch Bokeh raus!

Als ich ein paar Tage nach der Ankündigung und vor dem offiziellen Verkaufsstart von Fujifilm Schweiz besagte Linse zum Testen erhielt, fühlte ich mich ziemlich geehrt. Mit dabei waren ebenfalls die neue X-T4, ein paar Akkus und jede Menge Vorfreude.

Blende f/1.0 – Das klingt sehr vielversprechend. Irgendwie lässt einem diese Zahl nicht ganz unberührt. Vor allem im Zusammenhang mit dem sehr kompetenten Autofokus. Mein rationales Hirn sagte mir zwar ziemlich deutlich:„Phil, nur mal ruhig. Deine Bilder werden mit f/1.0 nicht besser!“. Das stimmt, irgendwie aber auch nicht. Dazu kommen wir später.

Da ich davon ausgehe, dass die meisten mich und meine Arbeiten nicht kennen, stelle ich mich ganz kurz vor. Mein Name ist Phil Wenger, ich bin verheiratet mit meiner Frau Corinne. Zusammen haben wir 4 Töchter im Alter zwischen 5 Monaten und 6 Jahren. Seit 2013 bin ich Vollzeit als Berufsfotograf und seit 2014 als Alleinverdiener aktiv. Es ist ein grosses Privileg diesen abwechslungsreichen, kreativen und herausfordernden Beruf ausüben und damit meine Familie versorgen zu dürfen. Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten, Geschichten zu erzählen, Emotionen einzufangen, Abenteuer zu erleben und unterwegs zu sein. Ich dokumentiere Hochzeiten in der ganzen Schweiz sowie im Ausland und erstelle für diverse kleinere und grössere Firmen Reportagen und Werbekampagnen.



Das hier ist kein Objektiv-Test

Auch wenn ich mich sehr für Technik interessiere und mich gerne über Kameramodelle und Objektive im Internet informiere, bin ich kein sogenannter Tester. Das können andere viel besser.

Von mir gibt es also leider keine Vergleichsfotos zum 56mm f/1.2, AF Geschwindigkeit Messungen, technische Angaben, Vergleiche zwischen f/1.0 und f/1.4 oder solcherlei. Im Grunde interessiert mich das schon. Doch in der kurzen und vollgepackten Zeit, in der ich das Objektiv testen durfte, wollte ich aber einfach das tun, was ich am liebsten tue: fotografieren. Und das habe ich gemacht. Ohne Vorgaben, ohne Zwänge. Wann immer ich Zeit hatte (leider viel zu wenig).

Der erste Eindruck

Das Objektiv hat eine sehr angenehme Grösse und Gewicht. Da ich die meisten meiner Werbeaufträge mit dem Fujifilm GFX 100 System fotografiere, bin ich mir das Gegenteil gewohnt: gross und etwas schwerer. Dieses Empfinden dürfte jemand, der sich das Fujifilm 50mm f/2.0 und eine X-E3 gewohnt ist, vermutlich nicht teilen. Für mich war das Fujinon XF 50mm f/1.0 total super.

Cool, das Objektiv ist wetterresistent (WR = Weather Resistant). Das finde ich immer gut. Ich bin jemand der zwar sorgfältig mit seiner Ausrüstung umgeht. Da ich diese aber tagtäglich einsetze und dies unter allen möglichen Wetter- und Temperatureinflüssen, muss meine Ausrüstung einiges aushalten. Da ich mit einem Leihgerät besonders vorsichtig umgehe und ich während der Testphase meist drinnen oder bei guten Wetterverhältnissen fotografiert habe, kann ich dazu keine genauen Angaben machen. Bisher wurde ich von Fujifilm Kameras und Objektiven aber nie enttäuscht. Ich gehe also davon aus, dass es hier nicht anders sein wird.



Autofokus

Da ich die X-T4 zum ersten Mal in der Hand hielt und absolut rein gar nichts geändert habe an den Grundeinstellungen, hätte ich mit etwas mehr Feintuning und Übung und auch im Vergleich zu anderen Objektiven hier bestimmt aussagekräftigere Punkte anbringen können.

Was zwar denkbar klar ist, ich aber trotzdem erwähnen möchte ist, dass Portrait Nahaufnahmen bei Blende 1.0 schon recht taff sind. Der „In Focus“ Bereich ist wirklich, wirklich schmal. Wie gesagt, klar! Daher hatte ich am Ende auch relativ viele Bilder, bei denen der AF nicht ganz passte. Liegt in der Natur der Sache und an mangelnder Expertise. Gerade bei Portraits mag ich diese nicht ganz perfekt scharfen Bilder sowieso viel mehr.

Low Light

Low Light – Hat das nicht viel mehr mit der Kamera zu tun, als mit dem Objektiv? Doch klar, wenn man von ISO Werten und Rauschen redet. Meist spricht man bei so grossen Blenden vor allem über Bokeh und Schärfeverlauf. Die meisten kaufen sich ein solches Objektiv, um „buttery smoothe“ Hintergründe hinzubekommen. Aber es geht eben auch um die Lichtstärke. Beim Shooting mit Gladys und Simon in Bern konnte ich bis lange nach Einbruch der Nacht einfach weiterfotografieren und musste nie über ISO 1600 gehen bei 1/400sec. Da wären sicher noch längere Belichtungszeiten drin gewesen und somit noch tiefere ISO Werte. Gedanken um Bewegungsunschärfe musste ich mir also keine machen, wenn sich die beiden bewegten, und auch nicht über zu viel Rauschen bei ISO Werten jenseits von 6400.



Kurzes Rechenbeispiel:

Fujifilm 50mm f/2.0 @ f/2.0 – 1/125sec – ISO 12800

Fujifilm 50mm f/1.0 @ f/1.0 – 1/125sec – ISO 3200

 

Von f/2.0 auf f/1.0 sind es also 2 Stops Unterschied, das ist viel und hat bei kaum Licht sehr positive Auswirkungen auf die Bildqualität und auch darauf, ob ich einen Shot überhaupt noch machen kann. Klar, Blende f/1.0 ist nicht immer geeignet, aber wenn es die Situation zulässt und ich 2 Stops länger belichten kann oder im ISO 2 Stops runterkomme, sind die Auswirkungen eben schon toll.



Bildqualität – Der Look

Der wichtigste Teil eines jeden Erfahrungsberichtes eines Objektivs. Auf jeden Fall für die meisten – auch für mich.

Das Objektiv hat mich von der ersten Sekunde überzeugt. Technische Makel wie zu sichtbare Vignettierung, Schärfeverlust an den Randbereichen oder starkes Color Fringing sind mir keine aufgefallen. Ich habe auch nicht danach gesucht oder diese mit anderen Objektiven verglichen. Gerade aber von der Schärfe und der allgemeinen Qualität der Files (liegt bestimmt auch an der X-T4) war ich wirklich überaus positiv überrascht. Noch vor ein paar Jahren waren Objektive mit so grossen Blenden erst abgeblendet um ein paar Blendenstufen qualitativ gut.

Noch mehr begeistert hat mich der Look der Fotos, die entstanden sind. Wow! Die Bilder haben Charakter. Das mag vielleicht schön geredet und reininterpretiert klingen. Für mich ist es so. Die Bilder haben etwas Weiches, beinahe Organisches und wirken insgesamt weniger digital und perfekt, sondern stimmig und ruhig. Darauf spreche ich vom Typ grundsätzlich an. Testet es am besten selbst mal aus!



Noch was zur Brennweite. Viele meiner Lifestyle-, Portrait- und Hochzeitsbilder fotografiere ich zwischen 28mm und 50mm auf Vollformat umgerechnet. Immer wie mehr wende ich mich von klassischen Portraitbrennweiten ab 85mm bis 135mm ab und bewege mich in einen weitwinkligeren Bereich, bei dem ich die Umgebung stärker ins Bild integrieren kann. Die 50mm auf APS-C (entspricht 75mm auf Vollformat) haben mir von der ersten Sekunde an sehr gefallen. Da ich kein 70-200mm (Fujifilm 50-140mm) Objektiv benutze, habe ich wohl noch nie mit dieser Brennweite fotografiert – sollte das aber definitiv mehr tun.


Fazit

Das Objektiv machte von Anfang an enorm viel Spass. Ich musste mich also überwinden, es wieder an Fujifilm zu retournieren (was ich dann natürlich gemacht habe). Die Kombination aus einer für mich spannenden Brennweite, einer sehr grosser Blende und tollem Bokeh, sehr angenehmen Haptik und dem charakteristischen und wunderbaren Look haben mich begeistert.

Fujifilm hat mit diesem Objektiv einmal mehr gezeigt, dass Sie in der Lage sind, echt starke Optiken herzustellen. Ohne Zweifel werden viele FotografInnen aus unterschiedlichen Genres mit diesem Objektiv sehr glücklich werden.

 

Mehr zum Fujinon XF 50mm F1 R WR findest du Hier.


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