Fotoshooting und Modellführung

Bei den Fotografie-Genres, in denen der Mensch nicht nur hinter der Kamera steht sondern auch davor, ist vom Fotografen oft auch etwas psychologisches Geschick gefragt. Die meisten Menschen verkrampfen, wenn ein Kameraobjektiv auf sie gerichtet ist. Nick Schreger, Portrait- und Hochzeitsfotograf sowie offizieller FUJIFILM X-Photographer, erklärt in diesem Artikel aus seiner Sicht, worauf beim Fotoshooting und der Modellführung geachtet werden muss.

Die Aufgabe von uns Fotografen besteht nicht darin, „schöne“ Fotos zu machen – „interessant“ müssen sie sein. Der Mensch war schon immer eines der interessantesten Objekte. Auch ein High-Fashion-Foto sollte noch immer eine interessante Wirkung haben, wenn wir es sämtlichen Elementen berauben würden, ausser dem Menschen selbst.

Die Augen und der Blick – die wichtigsten Elemente

Achten Sie einmal darauf, welchen Weg Ihr Blick macht, wenn Sie ein Foto einer Person anschauen. Unser Blick fällt instinktiv und unbewusst immer als erstes auf die Augen und beginnt von dort aus die Entdeckungsreise über das Foto. Sind Hände auf einem Foto zu sehen, so führt der Weg immer gleich über diese. Erst dann übernehmen die viel zitierten – und bedeutenden – Führungslinien eines Fotos das Steuer.

Sucht ein Primat den Blickkontakt mit einem Artgenossen, so ist dies eine Provokation. Auch beim Menschen lässt sich anhand des Blickes bereits eine Menge über den Gemütszustand und Absichten herausfinden. Es gibt den fragenden, tötenden, verliebten, unsicheren, lasziven, traurigen, fordernden, abfälligen […] Blick – wir alle haben derlei Redewendungen schon unzählige Male gelesen, gehört und selbst angewendet.

Moderne „Stimmungspiktogramme“ – die „Emoticons“ – gehören in der modernen Kommunikation schon so fest dazu, als seien es eigenständige Schriftzeichen. Wenn Sie einmal schauen, woraus ein einfacher Smiley besteht, dann sind dies Augen, Augenbrauen und Mund. Diese drei Elemente allein sind ausreichend, um so ziemlich jede Stimmung, jeden Gemütszustand unmissverständlich zu vermitteln. Der Gesichtsausdruck ist bei einem Foto also absolut massgebend dafür, wie es vom Betrachter aufgefasst wird – allem voran die Augen.

Durch die Kamera hindurch schauen

Wenn Sie die Person vor der Kamera einfach nur in die Kamera schauen lassen, dann bekommen Sie auch nur genau das: Einen leeren, nichts sagenden Blick auf (!) eine Kamera. Lassen Sie die Person stattdessen durch das Objektiv und die Kamera hindurch in Ihren Kopf schauen bzw. geben Sie diese Anweisung. Sie werden sich wundern, wie viel mehr Tiefe und Ausdruck der Blick so bekommt.

Blick in die Ferne

Gleiches gilt für den so oft falsch umgesetzten Blick in die Ferne oder zur Seite. Sagen Sie Ihrem Model nicht einfach nur „schau mal da rüber“, sondern erzeugen Sie zunächst die Stimmung, in die sich Ihr Model versetzen soll: Verträumt, melancholisch, traurig, erwartungsvoll

Definieren Sie daraufhin einen ganz bestimmten Punkt in der Ferne. Kommunizieren Sie dabei mit dem Model und geben Sie die Anweisung, diesen bestimmten Punkt zu fokussieren. Das Model soll sich dabei Gedanken machen bzw. sich ablenken, z. B. die Äste eines Baumes zählen, die Buchstaben auf einem Schild lesen, etc. So ist das Gehirn beschäftigt und die Augen haben nicht diesen toten, leeren Blick, wie wir ihn so oft auf Fotos sehen, bei welchen das Model in eine bestimmte Richtung schauen sollte und sich dabei auf die Haltung und den Blick versteift.

Lächeln, aber richtig!

Gleiches gilt für das Lächeln oder Lachen. Ein Fotograf, der sein Gegenüber dazu auffordern muss, hat bereits etwas falsch gemacht. Wenn ich möchte, dass die Person vor meiner Kamera fröhlich ist oder lacht, dann sorge ich dafür mit einem lustigen Spruch oder einer witzigen Anekdote, denn nur dann kommt das Lachen authentisch rüber und die Augen lachen mit.

Probieren Sie es doch einmal aus und weisen Sie Ihr Model an, mit der Zungenspitze das linke Ohrläppchen zu berühren. Sie werden erst ein verwundertes Gesicht sehen und dann wahrscheinlich ein sehr charmantes Lächeln oder kreischendes Lachen, welches Sie auf andere Weise niemals erreicht hätten.

Natürlichkeit und Authentizität durch die richtige Atmosphäre

Eine lockere Atmosphäre am Shooting, mit Musik und guter Laune, ermöglicht nicht nur eine entspannte Zusammenarbeit; sie sorgt auch für Ideen und Kreativität.

Natürlichkeit und Authentizität kann man nicht auf Abruf darstellen selbst Profi-Models mit vielen Jahren Erfahrung wirken auf Fotos selten so natürlich und ungezwungen wie „in freier Wildbahn“. Bei einem Shooting sollte die Person vor der Kamera nicht versuchen, natürlich zu wirken – es ist stattdessen Aufgabe des Fotografen, die Grundlage für eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der diese Person gelöst und entspannt sein kann. Wer entspannt ist, muss sich nicht darum bemühen, so zu wirken.

„Wohin mit den Händen?“

Neben den Augen sind Hände das Zweitwichtigste, auf das wir als Betrachter eines Fotos achten – völlig unbewusst, wohlgemerkt. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Menschen sich überall in der Welt mit der zum Gegenüber geöffneten Handfläche begrüssen? Diese Geste bedeutet seit eh und je: „Sieh her, ich trage keine Waffe und keinen Stein um Dir zu schaden.“

Wir sind als Menschen auch in heutiger Zeit instinktiv darauf getrimmt, auf die Hände unserer Mitmenschen zu achten, und wenn wir ein Foto betrachten, dann wandert der Blick von den Augen weiter zu den Händen und eventuellen Gegenständen, die diese halten. Aus diesem Grund ist eine „harmonische“ Fingerstellung wichtig, wenn die Hände nicht in den Vordergrund rücken sollen.

„Wohin mit den Händen?“ ist eine Frage, die ich als Fotograf oft zu hören bekomme, und wenn sie nicht gestellt wird sehe ich trotzdem, dass mein Gegenüber oft nicht weiss, was er oder sie damit machen soll. Dabei ist es ganz einfach:

Lassen Sie Ihr Model zum Beispiel den Knopf des Hemdärmels öffnen und dabei in die Kamera schauen. Überhaupt eignen sich Kleidung und Accessoires hervorragend dazu, die Hände zu beschäftigen, ohne dass es künstlich oder unbeholfen aussieht – wir Menschen fummeln andauernd an uns herum.

Unbedingt vermeiden sollten Sie typische Achtzigerjahre-Arme-Hoch-Posen – die Hände gehören nicht an den Kopf, und wenn, dann nur bis zum Kinn oder den Wangen.

Achten Sie darauf, dass Ihr Model beim Posen mit den Händen die Daumen nicht nach vorn in Richtung Kamera dreht. Positionieren Sie die Hände so, dass die Daumen auf der Kameraabgewandten Seite sind und vermeiden Sie abgespreizte Finger, da diese von uns Menschen unbewusst als Gefahr angesehen werden – vielleicht, weil sie ganz entfernt an Krallen erinnern? Hat die Person vor Ihrer Kamera die Hände leger in den Hosentaschen, so lassen Sie die Daumen herausschauen.

Verwenden Sie Accessoires

Je nachdem, welchen Zweck die Fotos erfüllen sollen, lassen sich Accessoires hervorragend mit dem Thema des Shootings verbinden.

Das einfachste Beispiel wäre ein Musiker-Portrait mit Instrument. Fotografieren Sie einen Violinisten, so lassen Sie ihn sein Instrument halten – kaum etwas wird sich für die Hände dieser Person natürlicher anfühlen, als eine Violine und automatisch wird der ganze Körper eine entspannte Haltung einnehmen.

Übertreiben Sie es aber nicht und versuchen Sie, nach ein paar Aufnahmen, zur Eingewöhnung, das Accessoire wegzulassen.

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3.02.2017