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Wissenswertes

Spiegellose Systemkamera vs. Spiegelreflexkamera

Wenn es um eine „richtige“ Digitalkamera geht, sind Systemkameras das Mass aller Dinge. Seit wenigen Jahren sind spiegellose Systemkameras (CSCs) dabei, den digitalen Spiegelreflexkameras (DSLRs) den Rang abzulaufen. Wir erklären hier die wichtigsten Unterschiede.

von Klaus Zellweger

Der Systemgedanke

Unter einer «Systemkamera» versteht man eine Kamera, die sich in alle Richtungen ausbauen lässt. Dazu gehören vor allem Wechselobjektive, aber auch die passenden Blitzgeräte und anderes Zubehör. Jeder Topf findet hier seinen Deckel. Ironischerweise galten diese Eigenschaften schon immer für die SLRs; trotzdem unterscheiden sich diese neuen, spiegellosen Kameras stark genug, um einer eigenen Kategorie anzugehören. Dazu später mehr.

 

Egal, ob Sie eine SLR oder eine spiegellose Systemkamera kaufen: Mit der Anschaffung betreten Sie einen geschlossenen Kreis. Canon-Objektive können ihr Potenzial nur an einer Canon-Kamera ausspielen. Nikon-Blitze harmonieren nur mit Nikon-Kameras. Und so weiter. Objektive und anderes Zubehör lassen sich zwar mit Adaptern an fremde Systeme anpassen, doch das geht immer zulasten der Funktionalität und kommt deshalb in der Praxis eher selten vor.

 

Darum prüfe, wer sich teuer bindet …

Wer also später merkt, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hat, muss die Geräte mit dem entsprechenden Abschlag wieder loswerden. Deshalb sollte vor dem Kauf nicht nur die Kamera, sondern auch das ganze System gründlich geprüft werden.

Soviel sei jedoch verraten: Wenn Sie sich für das System eines renommierten Herstellers entscheiden, dann gibt es kein «besser» oder «schlechter», sondern nur verschiedene Bedürfnisse und Ambitionen, die mehr oder weniger gut abgedeckt werden. Wenn Sie einen bestimmten Fotobereich anpeilen (Landschaft, Studio, Sport usw.), dann machen Sie sich zuerst ein Bild vom verfügbaren Zubehör und den angebotenen Objektiven.

 

Der Sucher

Spiegelreflexkameras (SLRs) heissen so, weil das Motiv durch das Objektiv über einen Spiegel zum Sucherokular umgeleitet wird. Unmittelbar vor der Auslösung wird dieser Spiegel hochgeklappt, damit das Bild vom dahinterliegenden Sensor erfasst werden kann. Dieser Schwenkspiegel benötigt jedoch Platz – genauso wie der Prismen-sucher selbst, der das Licht zum Auge des  Fotografen umleitet. Entsprechend gross und schwer sind diese Kameras.

Bei den CSCs fällt das Licht ohne Umwege direkt auf den Sensor, was eine kompakte Bauform ermöglicht. Zwar haben alle besseren Modelle ebenfalls einen Sucher, doch dieser besteht nicht aus optischen Komponenten, sondern aus einem hochaufgelösten Display. Dies erlaubt ganz neue Ansichten, denn er zeigt genau das, was der  Sensor der Kamera sieht. Wer zum Beispiel den Schwarzweiss-Modus aktiviert, sieht das fertige, monochrome Ergebnis, noch bevor er den Auslöser drückt – inklusive Belichtung, Tiefenschärfe und Effekte. Ein Vorteil, den man gar nicht  überschätzen kann.

 

Allerdings haben die elektronischen Sucher auch einen Nachteil. Im gleissenden Sonnenlicht sind sie den optischen Suchern der SLRs deutlich unterlegen, weil die Leuchtkraft des Displays nicht ausreicht, um die Sonne zu überstrahlen. Das gilt besonders für Brillenträger, die das Okular nicht durch den Augenkontakt abschotten können.  Deshalb bieten alle besseren Kameras eine  Dioptrienkorrektur am Okular.

 

Der Autofokus

CSCs haben bei der automatischen Fokussierung gewaltige Fortschritte gemacht und erfüllen heute fast alle Anforderungen. Doch manchmal ist  einfach nur schnell immer noch zu langsam, zum  Beispiel in der Sportfotografie. In solchen Situationen ist eine SLR die bessere Wahl. Allerdings gilt das nur, wenn man sich ein Modell der Oberklasse anschafft – diese sind schnell, aber auch teuer.

 

Die Objektivauswahl

Ganz klar die Domäne der SLRs. Die Branchen-riesen hatten jahrzehntelang Zeit, um Objektive für jeden Zweck und jede Preisklasse zu entwickeln. Hier bleibt kein Wunsch unerfüllt, und für Profis ist diese Auswahl entscheidend.

 

Bei den CSCs schwankt die Auswahl mit dem  Hersteller. Während die einen erst ein Basissortiment anbieten, schaffen es andere, trotz  der relativ jungen Technologie, ein respektables Sortiment anzubieten. Hier muss der Anwender anhand seiner Bedürfnisse abschätzen, ob das Angebot eines bestimmten Herstellers ausreicht.

 

Sensorgrösse und Bildqualität

Bei der Leistung des Bildsensors gilt dieselbe Faustregel wie beim Hubraum des Autos: grösser ist besser. Je mehr Fläche ein Sensor hat, desto mehr Licht kann er einfangen – und das verschafft ihm in der Dämmerung einen eindeutigen Vorteil. Hier die wichtigsten Grössen im direkten Vergleich:

Viele SLRs haben Sensoren im APS-C-Format, genauso wie die besseren CSCs. Kein Wunder: Diese Klasse gilt zurzeit als bester Kompromiss zwischen Grösse, Preis und Qualität. Olympus- Kameras arbeiten mit einem etwas kleineren  Sensor nach dem „Four-Third“-Standard. Alles, was darunter liegt, schwächelt nach Sonnenuntergang oder im Partykeller deutlich. Alles, was über APS-C liegt (Vollformat oder grösser), ist schwerer, grösser und teurer.

 

Die Qualität der Sensoren eignet sich nicht für die Entscheidung zwischen einer SLR oder einer CSC, weil sie in derselben Liga spielen. Hier gibt es für SLRs keine Punkte zu holen – es sei denn, man gibt mehrere tausend Franken für eine Vollformat-Kamera aus, die mit einer Sensorgrösse von 36 × 24 Millimeter auftrumpfen kann.

 

Funktionelle Vielfalt

Die heutigen Kameras strotzen nur so vor Möglichkeiten, wobei die Systemkameras normalerweise noch eins drauflegen. Doch je mehr  Funktionen vorhanden sind, umso wichtiger ist es, dass sich die Kamera an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt. Alle relevanten Funktionen sollten über direkte Menübefehle erreichbar sein. Noch besser sind echte Tasten und Räder, deren Funktionen nach eigenem Gusto belegt werden können.

 

Wenn die Grösse ein Thema ist

Moderne spiegellose Systemkameras können sehr wohl kompakt sein und gleichzeitig eine hervorragende Qualität liefern. Kaufen Sie deshalb nur eine Kamera, die für Sie tragbar ist – und das im besten Wortsinn. Die Spiegelreflexkameras der bekannten grossen Anbieter erfüllen mit ihrem enormen Zubehör zwar jeden noch so ausgefallenen Wunsch, lasten jedoch schwer auf der Schulter des armen Fotografen. Wer eine solche Kamera kauft, sollte dafür gute Gründe haben, oder die kostspielige Enttäuschung ist vorprogrammiert.

Wenn die Grösse eine Rolle spielt, dann sind Vergleiche angesagt. Allerdings eignen sich die Abmessungen im Datenblatt kaum, um ein Gefühl für das Volumen einer Kamera zu bekommen – geschweige denn, um Vergleiche mit anderen Modellen anzustellen. Die Website www.camerasize.com wird in solchen Fällen zu einer wertvollen Hilfe. Sie zeigt nahezu alle gängigen Kameras mit Bild, die meisten davon in mehreren Ansichten und sogar in den verfügbaren Farben. So lassen sich zwei Modelle komfortabel gegeneinander abwägen. Eine typische AAA-Batterie vermittelt den richtigen Massstab, und wer will, kann die Kamera sogar auf eine «durchschnittlich grosse» Männerhand legen – was immer man sich darunter vorstellen mag.

 

Quelle: Klaus Zellweger, PCtipp, Online-Artikel vom 25.08.2014

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