Wie und wieso wirken Bilder eigentlich?

Warum und vor allem wie wirken Fotos? Martin Zurmühle, Fotograf und Studiengangsleiter an der HF Fotografie, hat ein Modell entwickelt, um genau dies zu beantworten: das Vier-Augen-Modell. Wie dieses funktioniert und angewendet werden kann erfahren Sie in diesem Beitrag.

Grundlage: das Vier-Seiten-Kommunikationsmodell

Das Vier-Augen-Modell von Martin Zurmühle basiert auf dem Vier-Seiten-Modell von Friedeman Schulz von Thun. Diesem Kommunikations-Modell zu folge können Nachrichten und Aussagen auf vier verschiedenen Ebenen gesendet  und empfangen, also verstanden werden:

  • Sach-/Inhalts-Ebene (Daten, Fakten und Sachverhalte)
  • Selbstkundgabe ((un-)freiwillige, persönliche und vertrauliche Gedanken, Gefühle oder Informationen)
  • Beziehungs-Ebene (über die Beziehung zwischen Sender und Empfänger Offenbartes)
  • Appell-Ebene (Handlungsaufforderung an den Empfänger)

Dabei gibt es immer einen Sender und einen Empfänger, wobei die Inhalte nicht immer von beiden Seiten gleich gemeint bzw. verstanden werden.

Das Vier-Augen-Modell von Martin Zurmühle

Anders als die persönliche oder direkte Kommunikation unter Menschen, ist die Fotografie eine einseitige Kommunikation vom Fotografen als Sender durch dessen Bilder an den Betrachter als Empfänger.

Das Vier-Augen-Modell von Martin Zurmühle beschreibt – auf der Grundlage der Erkenntnisse aus der wechselseitigen Kommunikation zwischen zwei Menschen – dass bei dieser einseitigen Kommunikation von Fotograf an Betrachter, Bilder vom Betrachter ebenfalls auf vier verschiedenen Ebenen wahrgenommen werden.

  • dem „Form-Auge“: bietet sich ein visueller Genuss
  • dem „Erzähl-Auge“: wird aus dem Leben berichtet
  • das „Gefühls-Auge“: nimmt Emotionen wahr
  • das „Ich-Auge“: „liest“ die Sprache des Künstlers

Beim Form-Auge und ErzählAuge wirken dabei eher rationale Aspekte wie z. B. die die Motiv-Wahl und die Bildkomposition. Die eher „weichen“ Faktoren hingegen sind dem Gefühls-Auge und dem Ich-Auge zuzuordnen.

Das Form-Auge / die Form-Ebene

Das Form-Auge oder die Form-Ebene entspricht der „Sach-Ebene“ und beschreibt, wie Formen, Farben, Punkte, Kurven, Linien, Muster, Flächen, etc. vermittelt werden. Diese Elemente sind so zu sagen die Buchstaben und Wörter der FotografieSprache. Das Komponieren dieser Elemente auf dem Bild entspricht dann dem Schreiben eines Textes, der universell und weltweit verstanden wird.

Dieser Bereich entspricht klaren (Gestaltungs- und Kompositions-)Regeln, ist logisch und basiert auf „harten Fakten“: zum Beispiel der „goldene Schnitt“, Vorder- und Hintergrund, Licht und Schatten, etc.

Die verschiedenen Ebenen werden je nach Bild in einem anderen Ausmass zum Ausdruck gebracht, beteiligt sind aber immer alle vier. Wie wirkungsvoll (oder wirkungslos) nun ein Bild ist, hängt stark vom Zusammenspiel und der Ausprägung der einzelnen Ebenen, aber auch vom Betrachter selbst ab.

Das Erzähl-Auge / die Erzähl-Ebene

Auf der Erzähl-Ebene werden Geschichten „erzählt“. Diese Geschichten geben dem Betrachter einen Einblick in die Welt und Ereignisse, wie er sie selbst vielleicht nicht kennt. Sehr ausgeprägt ist diese Erzähl-Ebene zum Beispiel bei der Reise– oder ReportageFotografie.

Solche Bilder können die Meinung und Haltung des Betrachters in verschiedenster Weise stark beeinflussen und bewusst oder unbewusst etwas suggerieren. Zum Beispiel Bilder von Kriegsreportagen in den Nachrichten, die bekannten „Schock-Bilder“ auf den Zigarettenpäckchen oder Werbebilder mit schlanken Models.

Während Bilder, bei denen die Form-Ebene am stärksten zum Tragen kommt, völlig neutral sein können, teilen hingegen Bilder, deren ErzählEbene überwiegt, immer etwas über das gezeigte Geschehnis respektive Motiv mit.

Durch die bewusste oder unbewusste Beeinflussung des Betrachters entspricht die Erzähl-Ebene der ApellEbene, fordert also den Betrachter zu einer Reaktion oder gar Handlung auf. Diese Bilder leben von allgemein verstandenen Zusammenhängen und lassen sich daher meist rational erfassen und erklären. Mit klaren Formen und einer deutlichen Bildgestaltung können sie eine noch stärkere Aussagekraft entfalten.

Das Gefühls-Auge / die Gefühls-Ebene

Das Gefühls-Auge entspricht der Beziehungs-Ebene und im Gegensatz zum Form- und Erzähl-Auge sind dem Gefühls-Auge eher „weichere“, weniger greifbare Faktoren zuzuordnen. Mit dem Gefühls-Auge werden Emotionen und Stimmungen wahrgenommen, die in einem Bild liegen. Diese können durch Licht- und Farbstimmungen, durch Bewegungen aber auch durch das Motiv selbst wiedergegeben werden.

Sie wecken je nach Situation, Motiv und Bildsprache starke Erinnerungen und Emotionen und sprechen so neben dem Sehsinn auch andere Sinne an.

Da nicht jeder Betrachter dieselben Erfahrungen und Erinnerungen teilt, reagiert jeder anders auf diese Bilder.

Zeigt ein Bild zum Beispiel ein Kind, welches mit einem Hund herumtollt, wird jemand der Hunde mag und vielleicht selbst Kinder hat, diese Szene als „fröhlich“ und positiv interpretieren, wohingegen jemand, der in der Vergangenheit von einem Hund gebissen wurde, dasselbe Bild vielleicht als eher „bedrohlich“ empfindet.

Das Ich-Auge / die Ich-Ebene

Die Ich-Ebene entspricht vom Grundgedanken her der Selbstoffenbarung aus dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun, beschreibt also subjektive Aspekte von Sender und Empfänger.

Bilder sagen immer etwas über den Fotografen, also den Sender aus. Dieser kann, wenn er sich der Ich-Ebene bewusst ist und diese gezielt einsetzt, viel von sich preisgeben bzw. sich durch seine Bilder ausdrücken.

Dabei spielt vor allem die Wahl des Themas / Genres aber auch das Motiv und die Inszenierung eine grosse Rolle. Ein Fotograf, der z. B. Reportagen aus Krisengebieten macht, sagt etwas ganz anderes über sich selbst aus, als einer, der Architektur-, Blumen-, Street- oder Erotik-Fotografie betreibt.

Es ist aber nicht nur der Fotograf, der sich über seine Bilder ausdrückt, sondern auch der Betrachter, der mit seiner Reaktion etwas über seine Einstellung zum Bild oder der gezeigten Thematik aussagt. Je extremer das Motiv, desto polarisierender auch die Reaktionen der Betrachter.

Anwendung

Dieses Vier-Augen-Modell kann zum einen zur Analyse der Wirkung von Bildern aus Sicht des Betrachters aber auch aus der Sicht des Fotografen genutzt werden. Auch kann ein Fotograf, sofern er sich der Wirkungen nach diesem Prinzip bewusst ist, die Aussagen und „Botschaften“ seiner Bilder sehr gezielt beeinflussen und steuern.

Wie eingangs erwähnt, sind in jedem Bild immer alle Ebenen in unterschiedlicher Intensität vertreten. Durch die Intensivierung einzelner Ebenen können Bilder an Wirkung gewinnen. Sie sprechen den Betrachter vielseitiger an und werden als spannender und aussagekräftiger empfunden.

Mehr zum 4-Augen-Modell und der Bildanalyse

Sie möchten gerne noch mehr über das 4-Augen-Modell erfahren und andere Möglichkeiten kennenlernen, wie man Bilder analysieren kann? Dann empfehlen wir Ihnen die grossen Lehrbücher der Fotografie von Martin Zurmühle.

Die 3 Bücher der Trilogie «Technik, Gestaltung und Wirkung in der Fotografie» erschienen beim Vier-Augen-Verlag und können hier bestellt werden.

 

Im Fokus – Martin Zurmühle

Martin Zurmühle wurde in Luzern, wo er lebt und arbeitet. Er studierte ursprünglich Architektur an der ETH in Zürich. Schon während seines Studiums faszinierte ihn die funktionale und schnörkellose Architektur der klassischen Moderne, was auch in seiner Fotografie erkennbar ist.

Er fotografiert seit seinem 16. Lebensjahr mit grosser Leidenschaft. Seit 2013 ist die Fotografie sein Haupterwerb, in Ebikon bei Luzern eröffnete er ein Fotostudio und eine Fotoschule.

Neben Fotoaufträgen schreibt er Lehrbücher zu verschiedenen Themen der Fotografie und unterrichtet in seiner eigenen und an anderen Fotoschulen im Zusammenhang mit verschiedenen Fotolehrgängen.

In seiner eigenen Fotografie konzentriert er sich in erster Linie auf die Aktfotografie, die er im Fotostudio, aber vor allem auch in schönen Räumen und in der Natur ausübt.

Seine Bilder gewannen Auszeichnungen an vielen internationalen Fotowettbewerben und werden in Galerien und Ausstellungen weltweit gezeigt.

Aufgrund seiner Wettbewerbserfolge trägt er den Titel EFIAP (Excellence FIAP) der Fédération Internationale de l’Art Photographique (FIAP).

Seit 2016 ist Martin Zurmühle Studiengangsleiter der höheren Fachschule Fotografie am Zentrum Bildung – Wirtschaftsschule KV Baden (Schweiz).

Mehr zu Martin Zurmühle finden Sie auf seiner Website unter: www.zurmuehle.eu

Seine Schule für digitale Fotografie finden Sie unter: www.fotoschule.biz

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4.04.2019

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