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Photo Specials

Das passende Objektiv finden

Objektive verleihen der Fotografie die richtige Würze – Sie brauchen jedoch keine Tasche voller Objektive, um gute Fotos zu schiessen. Allerdings gibt es kein anderes Kamerazubehör, das die Bildwirkung und die Möglichkeiten so entscheidend beeinflusst.

Mehr als Weitwinkel und Tele

Mit einem Tele lassen sich entfernte Dinge näher heranholen und vergrössern, während ein Weitwinkel zum Beispiel eine Personengruppe oder weite Landschaften und hohe Gebäude erfassen kann. Das ist jedoch nicht alles...

 

Das rechte Foto in dem Bild nebenan wurde aus kurzer Distanz mit einem 20mm-Weitwinkel (Kleinbildformat) aufgenommen (siehe dazu die Box «Brennweite und Crop-Faktor»). Das linke Bild entstand mit einem 200mm-Tele bei gleicher Blendenöffnung. Während das Weitwinkel die Proportionen verzerrt und den Hintergrund weitgehend scharf abbildet, komprimiert das Tele die Perspektive und sorgt für einen unscharfen Hintergrund. Die Wirkung ist also völlig unterschiedlich, obwohl der Ausschnitt derselbe ist. Deshalb geht es bei den folgenden Betrachtungen nicht nur darum, mehr aufs Foto zu bringen oder Motive näher heranzuholen, sondern auch um die Bildwirkung.

 

Das Kit-Objektiv

Bei vielen System- und Spiegelreflexkameras gehört ein Objektiv zum Lieferumfang. Deshalb nennt man sie ganz pragmatisch Kit-Objektive. Kit-Objektive sind meistens leicht, günstig und unspektakulär. Sie decken die wichtigsten Bereiche vom Weitwinkel bis zum Tele ab, ohne in einem Bereich Höchstleistungen zu erbringen. Schlechte Kit-Objektive findet man heute jedoch kaum mehr. Stattdessen punkten sie mit mehreren Vorteilen:

 

Kein Zeitdruck: Das Kit-Zoom mindert den Druck bei der Suche nach weiteren Objektiven. Sie haben alle Zeit der Welt, um sich in die Fotografie einzuleben und sich Ihr Thema auszusuchen. Anschliessend wissen Sie genau, welche Objektive Sie zusätzlich benötigen.

 

Kamerasystem: Gute Objektive sind kostspielig. Deshalb sollten Sie von Ihrer neuen Kamera restlos überzeugt sein, bevor Sie an den Ausbau denken. Ein Kit-Objektiv gibt Ihnen die Möglichkeit, ein System gründlich zu prüfen. Ein Wechsel zu einem anderen System wird nie wieder so einfach sein wie jetzt.

 

Die Einstiegsdroge: 50 mm

Ein 50mm-Objektiv (KB) gehört in jede Fototasche. Sie sind leicht, klein und meist von hoher Qualität. Die Abbildungen weisen kaum Verzerrungen auf. Ausserdem kosten sogar die besseren Modelle nur etwa 200 Franken.

 

Die Brennweite von 50 mm entspricht ungefähr jenem Eindruck, den wir mit unseren Augen wahrnehmen (Gesichtsfeld). Deshalb ist es das perfekte Objektiv, um sich der Bildkomposition zu widmen. Die hohe Lichtstärke ermöglicht zudem eine gezielte Fokussierung. Es gibt aber tatsächlich einen kleinen Haken: Diese Objektive eignen sich weder für spektakuläre Landschafts- noch Sportaufnahmen. Für Porträts ist die Brennweite ebenfalls ein wenig kurz.

 

Geeignet für: Reportagen, Stillleben, Produktfotografie, Porträts (mit Vorbehalt), Übungen

Ungeeignet für: Sport, Makro, Architektur, Landschaft, Hochzeiten

 

Reisezooms

Mit diesem Begriff sind Zooms gemeint, die einen weiten Bereich abdecken. Meistens reichen diese Objektive von einem ausgeprägten Weitwinkel bis hin zu einem starken Tele. Das «Sigma 18–250 mm f/3,5–6,3» erfasst zum Beispiel den enormen Bereich von 27–375 mm (KB) und bietet sowohl eine Makroeinstellung als auch einen optischen Bildstabilisator. Der kleine Buchstaben «f» steht übrigens für die Blendenzahl (hohe Blendenzahl – kleine Blendenöffnung - wenig Licht dringt ins Objektiv. Kleine Blendenzahl – grosse Blendenöffnung – viel Licht gelangt ins Objektiv).

 

Wie es der Name bereits vermuten lässt, eignen sich diese Objektive vor allem für die Reise, wenn mit möglichst wenig Gewicht die meisten Situationen gemeistert werden sollen. Die Objektive sind jedoch nicht sehr lichtstark. Das wird zum Nachteil, wenn in der Dämmerung fotografiert oder ein Motiv vom Hintergrund gelöst werden soll. Achten Sie auf einen ausgeprägten Weitwinkelbereich von 28 mm (KB) oder kürzer.

 

Geeignet für: Reise, Landschaft, Porträts (mit Vorbehalt)

Weniger geeignet für: Architektur, Studio, Produktfotografie.

Empfohlene Brennweite (KB): ca. 28–200 mm

 

Weitwinkelzooms

Sie sind die Linsen für die grossartigen Ansichten und spektakulären Landschaftsbilder. Weitwinkel sind aufwendig konstruiert und deshalb nicht günstig. Die Brennweite sollte bei ca. 15 mm (KB) beginnen und bei 35–40 mm (KB) enden.

 

Der extreme Bildwinkel sorgt für effektvolle Ansichten, die wegen der Verzerrung noch ausgeprägter wirken. Stürzende Linien an Gebäuden sind unvermeidlich. Dank geringer Brennweite ist ausserdem der Schärfebereich gross. Diese Linsen eignen sich nicht als «Immer-drauf-Objektive», sondern müssen ganz bewusst eingesetzt werden.

 

Geeignet für: Landschaft, Architektur, Innenaufnahmen, Reportagen (mit Vorbehalt)

Ungeeignet für: Porträts, Studio, Sport, Makro, Hochzeiten.

Empfohlene Brennweite (KB): ca. 10–24 mm

 

Telezooms

Auf der anderen Seite des Spektrums warten die Telezooms. Sie sind ideal, um weit entfernte Motive wie Wildtiere formatfüllend abzulichten. Die Bildwirkung entspricht dem genauen Gegenteil der Weitwinkelobjektive: Das Bild bleibt praktisch verzerrungsfrei. Die Atmosphäre wird verdichtet.

 

Deshalb wirken Formel1-Übertragungen manchmal so, als würde das hintere Fahrzeug gleich auffahren, obwohl es noch fünfzig Meter entfernt ist. Die lange Brennweite sorgt ausserdem dafür, dass die Schärfentiefe abnimmt, sodass der Hintergrund relativ einfach vom Motiv zu trennen ist. Deshalb gehören die Tele objektive zu den Lieblingen der Porträt- und Hochzeitsfotografen.

 

Geeignet für: Sport, Tiere, Porträts, Konzerte, Hochzeiten.

Weniger geeignet für: Architektur, Reportagen, Studio, Landschaft

Empfohlene Brennweite (KB): ca. 70–200 mm

 

Makroobjektive

Viele Zooms bieten eine Makroeinstellung – doch die bedeutet lediglich, dass man «ziemlich nahe herangehen kann». Wenn Sie hingegen ein kleines Insekt in Szene setzen möchten, benötigen Sie ein spezielles Makroobjektiv. Wegen ihrer Brennweite von 90–120 mm (KB) verwenden sie einige Fotografen auch als Porträtobjektive.

 

Für die meisten anderen Einsatzgebiete sind diese Linsen jedoch zu unflexibel. Allenfalls können Sie auch auf Zwischenringe ausweichen. Diese werden zwischen der Kamera und einem regulären Objektiv montiert.

 

Geeignet für: Makros, Porträts

Weniger geeignet für: Architektur, Reportagen, Studio, Sport, Landschaften

 

Festbrennweiten

Neben den Zooms mit variabler Brennweite bietet der Markt unzählige Festbrennweiten. Allerdings brauchen Sie für den Kauf gute Gründe. Die Zooms sind heute so weit entwickelt, dass selbst Profifotografen auf deren Flexibilität nicht mehr verzichten wollen. Wenn Sie genügend Geld investieren, finden Sie hier die hochwertigsten Objektive – allerdings steigen mit der Qualität nicht nur der Preis, sondern auch die Grösse und das Gewicht.

 

Zu den beliebtesten Fest-Brennweiten gehört das erwähnte 50mm-Objektiv. Für Reportagen und Strassenfotografie eignen sich eher die günstigen 35mm-Objektive; sie bieten nicht nur einen guten Kompromiss zwischen Bildwinkel und Verzerrung, sondern sind auch extrem kompakt.

 

Bildstabilisator

Viele Objektive sind heute mit einem Bildstabilisator ausgerüstet, der vorwiegend aus einem beweglichen Linsen-Element besteht. Diese Technik hilft, bei längeren Verschlusszeiten die Verwacklung zu reduzieren – und das oft mit Erfolg. Stabilisatoren sind bei Teleobjektiven wichtiger als im Weitwinkelbereich, weil dort die Verwacklungsgefahr grösser ist. Der Bildstabilisator sollte nicht das wichtigste Kaufargument sein – aber wenn Sie zwischen zwei Objektiven wählen müssen, nehmen Sie jenes mit dieser praktischen Einrichtung.

 

Brennweite und Crop-Faktor

Brennweite

 

Die Brennweite beschreibt die Entfernung zwischen dem Bildsensor und der Objektiv Hauptebene. Zum Glück können Sie diese Erklärung sofort wieder vergessen, denn als Fotograf müssen Sie nichts über die zugrunde liegende Physik wissen.

 

Die Brennweite wird in Millimetern angegeben. 50 mm entsprechen ungefähr unserem Gesichtsfeld. Alles darunter gilt als Weitwinkel. Alles darüber zählt zu den Teles. Das klingt einfach; leider verdirbt der Crop-Faktor die Party.

 

Crop-Faktor

 

Als noch analog fotografiert wurde, verwendeten die meisten Fotografen das Kleinbildformat (36 × 24 mm). Deshalb ist diese Grösse in den Köpfen tief verankert.

 

Wenn wir also feststellen, dass eine Brennweite von 50 mm unseren Sehgewohnheiten entspricht, dann gilt das für eine Sensorgrösse im Kleinbildformat (oft auch mit «KB» abgekürzt). Ein kleinerer Sensor kann nur einen Teil des Bildes erfassen, das vom Objektiv geliefert wird. Dieser Beschnitt wird Crop-Faktor genannt.

 

Beim populären APSC-Format (siehe Grafik unten) beträgt dieser zum Beispiel 1,5×: Ein vermeintliches 35mm-Weitwinkelwirkt also ungefähr so wie ein 52mm-Standardobjektiv an einer Kleinbild-Kamera. Ein spektakuläres Weitwinkelobjektiv mit 24 mm wird auf ein banales 35mm-Objektiv zurechtgestutzt.

 

Falls Ihnen jetzt der Schädel brummt, hier die Entwarnung: Die Sache ist ganz einfach. Sie müssen nur den Crop-Faktor Ihrer Kamera kennen, denn der bleibt immer gleich. Wenn Sie das nächste Mal ein Objektiv online oder im Laden entdecken, multiplizieren Sie die aufgedruckte Brennweite mit dem Crop-Faktor.

 

 

Quelle: PCtipp Nr.8/August 2015

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