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Teil 1: Abenteuer Afrika - Interview mit Oliver Beccarelli

«Abenteuer sind individuell. Entscheidend ist es, sich auf den Weg zu machen und sich auf die Entdeckungen zu freuen ...» Hört man Oliver Beccarelli über seine Abenteuerreisen erzählen, fällt es einem leicht, dies zu glauben. Sieht man seine Bilder, möchte man das Ganze am liebsten gleich selbst miterleben. Doch haben wir wirklich alle das Zeug zum Abenteurer?

Oliver und seine Lebenspartnerin Corinne nehmen im Jahr 2010 das Abenteuer ihres Lebens in Angriff. Diese verrückt-fantastische Reise war der Startschuss für die Entdeckung einer Berufung, welche sich Oliver vorher nie hätte träumen lassen. CREATE hatte die Möglichkeit, Oliver Beccarelli für ein ausführliches Interview zu treffen.

 

Du und Corinne, ihr seid erfahrene Reisende, aber mit dem eigenen Fahrzeug von der Schweiz aus durch Afrika zu fahren, ist wohl eine besondere Herausforderung. Was hat den Anstoss gegeben, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen?

 

 Wie viele andere Menschen waren auch wir im Job voll eingespannt und hatten so ein Kribbeln im Bauch. Wir hatten das Gefühl, dass wir in unserem Alter von 34 und 38 nochmals eine richtig grosse «Sache» unternehmen sollten, bevor es zu spät ist ... Afrika hat uns schon immer fasziniert. Der schwarze Kontinent ist so nah und doch so fern. Wir waren zwar schon auf verschiedenen Reisen im Norden und Osten Afrikas, der Rest war für uns jedoch Neuland, welches wir entdecken wollten. So beschlossen wir, uns mit einem eigenen Geländefahrzeug von der Schweiz aus einfach auf den Weg zu machen …

Wart ihr schon immer Abenteuerreisende oder ist das nach und nach entstanden?

 

Corinne war in jüngeren Jahren viel unterwegs. Südamerika, Australien und Asien kannte sie schon bestens. Ein richtiges Berner «Reisefüdli». Ich unternahm eher kürzere Trips.

Wie und wie lange habt ihr euch auf diese Reise vorbereitet? Was war im Nachhinein am wichtigsten und was unnötig?

 

An Neujahr 2008 haben wir uns den Vorsatz genommen und ent schieden, Mitte 2010 ein neues Kapitel in unserem Leben auf zuschlagen: Auf nach Afrika mit open end … Lange hatte ich mich in der Folge dann mit Routen und den Ländern beschäftigt, was sich im Laufe der Reise als wenig nützlich erwiesen hat. Wir haben uns letztendlich einfach treiben lassen und unter wegs die wirklich wichtigen Fakten von Einheimischen und anderen Reisenden erhalten. Vor dem Start haben wir Kurse in Buschmechanik, Medizin, GPS und Geländefahren besucht. Diese waren spannend und lehrreich. Sie haben uns ein gutes Grundgefühl vermittelt. Im Nachhinein hat sich aber herausgestellt, dass uns in Notsituationen das Meiste nicht mehr präsent war oder wir in der Praxis einfach zu ungeschickt waren.

Wie lange wart ihr unterwegs und wie viele Kilometer habt ihr zurückgelegt?

 

Nach 15 Monaten, 48 000 Kilometern und unzähligen Erlebnissen sind wir im Oktober 2011 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika ange kommen. Leider mussten wir unsere Reise dort wegen eines unerwarteten Ereignisses in der Schweiz abbrechen und heimkehren.

Es gab sicher zahlreiche Höhepunkte, doch welches war euer absolut eindrücklichstes Erlebnis?

 

Die Menschen in Afrika! Egal wo, welche Religion, welche Stämme. Die Menschen waren immer unglaublich offen, interessiert und freundlich. Aus jeder Begegnung haben wir vieles wieder schätzen gelernt: Optimismus, Kreativität, Lebensfreude, Geduld und vor allem den Wert der Zeit. Wenn ich ein Land benennen müsste, habe ich Kamerun als faszinierend erlebt. Dort ist ganz Afrika im Kleinen vorhanden. Und das südliche Afrika mit seiner einmaligen Tierwelt und den Naturvölkern der Himba und Buschmännern. Insbesondere Botswana und Namibia waren fantastisch!

Wie habt ihr nach eurer Rückkehr in die Schweiz ins normale Leben zurückgefunden?

 

Wir haben uns oftmals gefragt, was denn nun normal sei. Zum Beispiel das erste Mal wieder im Lebensmittelladen einkaufen. In Westafrika gingen wir einfach zum Markt. Es gab bei allen das gleiche Wenige zu kaufen. Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Maniok oder ein paar wenige Früchte. Der Markt ist das Leben. Es werden Informa tionen ausgetauscht, es wird getratscht, gefeilscht, gelebt. Wieder zu Hause waren wir richtiggehend überfordert. Jedes Produkt ist in zig verschiedenen Sorten und Verpackungen zu total unterschiedlichen Preisen erhältlich. Das war fast zu viel des Guten. Und die Menschen erleben das Einkaufen eher als notwendiges Übel. Kaum lachende Gesichter.

Eure Bilder lassen Menschen gleich ins Abenteuer eintauchen. Hast du schon vor der Reise viel fotografiert?

 

Nein. Mein damaliger Chef hat mir seine Spiegelreflexkamera zu einem Freundschaftspreis überlassen. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie man diese richtig bedient. Fast jeden, den ich auf der Reise mit einer Kamera getroffen habe, habe ich um Rat, Tipps und Tricks gefragt und so konnte ich immer wieder dazulernen.

Deine Art der Fotografie ist sehr authentisch. Man hat das Gefühl, mittendrin zu stehen. Wie hast du deinen Stil gefunden?

 

Stil ist ein grosses Wort. Ich bin ein Autodidakt. Ich glaube zudem, dass die Art der Fotografie auch ein Teil des eigenen Charakters ist. Da fliessen meine Überzeugungen und Werte mit ein. Wahrscheinlich bin ich einfach ein offener, authentischer Typ, der gerne mittendrin statt nur dabei ist – lacht laut.

Nach eurem grossen Abenteuer ging die Reise weiter mit einer Live-Multivision-Vortragstour gemeinsam mit FUJI.CH durch die Schweiz. War das schon vor der Reise so geplant?

 

 Nein, ganz und gar nicht. Doch wir hatten tolle Menschen um uns, die uns motiviert haben, andere an unseren Geschichten und Erlebnissen teilhaben zu lassen. So haben wir mit Hilfe von Vivamos und FUJI.CH Schritt für Schritt eine neuartige Form des Live-Vortrags aufgebaut. Die Besucher waren überrascht und begeistert vom Konzept und beglei - teten uns jeweils einen Abend lang durch Afrika.

Hattest du nach der Rückkehr gleich wieder Fernweh?

 

Nach dem Afrika-Abenteuer boten sich gleich neue Gelegenheiten, die ich spontan anpackte. Zum Beispiel TV-Abenteuer-Experimente in Thailand (Home Run 2 auf Sat.1), Wildnis-Touren in Botswana und Skitouren in der Namib-Wüste. Gleichzeitig teste ich für FUJIFILM neue Kameras in Abenteuersituationen und liefere laufend neue Bilder und Geschichten.

Hast du damit deine Passion zum Beruf gemacht?

 

Es ist enorm viel entstanden, jedoch ist Abenteurer nicht mein Beruf, sondern meine Lebenseinstellung. Zwar bin ich drei Monate im Jahr für Abenteuerprojekte unterwegs, doch mein eigentlicher Beruf ist die Führung meiner kleinen Firma für Beratung und Coaching in der Unternehmensentwicklung.

Wie hängt dein heutiger Beruf mit diesen Abenteuerreisen zusammen?

 

Mein Verständnis von Abenteuer beschränkt sich nicht nur auf Reisen. Gerade in Veränderungsprozessen von Menschen ist entscheidend, welche Perspektive man einnimmt. Sieht man Chance oder Verlust? Situationen immer wieder neu ein schätzen, Bewährtes wieder loslassen und Neues mit positiver Perspektive annehmen sind heutzutage entscheidende Fähigkeiten. Man wächst in der Herausforderung – Schritt für Schritt. Am Schluss blickt man zurück auf den Weg und ist stolz, weitergekommen zu sein. Diese positive Denkweise prägt mich als Abenteurer ebenso wie in meiner Aufgabe als Business-Coach.

Was ist für dich persönlich die wichtigste Erfahrung aus den verschiedenen Abenteuerprojekten?

 

Der Weg ist tatsächlich das Ziel.

Welches ist dein aktuellstes Abenteuerprojekt?

 

Ein geführtes Expeditionsprojekt namens «Into the Wild» in Namibia, das ab 2015 startet. Auf einer Entdeckungsreise tauchen die Teilnehmer mit einem erfahrenen Team in die Wildnis Namibias ein. Dort sind wir jeweils acht Tage zu Fuss und danach mit einem Fahrzeug unterwegs. Es warten viele spannende Herausforderungen und Begegnungen. Das Leben in der Wildnis, Busch-Trainings und viele Wow-Erlebnisse in einer einzigartigen Weise.

Worauf legst du Wert, wenn du deine Kameraausrüstung für eine Abenteuerreise packst?

 

Sie muss kompakt, möglichst zuverlässig und vor allem leicht sein. Gleichzeitig muss die Kamera auch bei schwierigen Lichtverhältnissen gute Bilder ermöglichen. Ich habe mich für ein spiegelloses System entschieden. Aktuell bin ich mit der neuen X-T1 von FUJIFILM unterwegs.

Welchen Stellenwert hat für dich die Fotografie auf deinen Reisen?

 

Sie ist wichtig, doch nicht das Wichtigste. Ich lebe nicht durch den Sucher. Ich will die Abenteuer mit allen Sinnen geniessen und mit meinen eigenen Augen erleben. Manchmal ist fotografieren einfach nicht passend, zum Beispiel bei einem wunderbaren Sonnenuntergang auf einer Düne, alleine in der Namib-Wüste sitzend und mit sich selbst über Gott und die Welt philosophierend. Nur Du und die pure Natur. Oder auch Momente mit Menschen. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, die Kamera nicht immer zur Hand zu nehmen, sondern diese kostbaren Augenblicke zu geniessen und im Herzen zu behalten. Selbstverständlich gibt es auch viele Situationen, die ich unbedingt festhalten möchte. Sie lassen mich zu Hause beim Betrachten in Gedanken sofort wieder dorthin reisen und alles erleben. Das verkürzt die Wartezeit aufs nächste Abenteuer.

Was empfiehlst du jemandem, der seine Erinnerungen lange erhalten möchte?

 

Ich persönlich bin ein sehr visueller Mensch und trage bestimmte Bilder mit mir auf meinem Handy herum. Es gibt für mich jedoch nichts Schöneres, als in einem Fotobuch oder Reisebericht zu blättern. Wenn Verwandte oder Freunde mit Kindern zu Besuch sind, kann man sie damit ebenso stundenlang unterhalten. Vor allem die Kinder und die Stiefmutter – es funktioniert tatsächlich! 

 

Kurzportrait Oliver Beccarelli

Oliver Beccarelli wurde 1976 in Chur geboren, ist Business-Coach und Abenteurer und bereiste weite Teile Afrikas, unter anderem den Mount Kenya, den Kilimandscharo, den Toubkal und den Mount Kamerun, die Tsodilo Hills wie auch die Regenwälder Kameruns und des Kongos, die Serengethi, den Sahelgürtel, das Land der Dogon, die Kalahari und die Wüsten Angolas und Namibias. Ihn begleitet eine FUJIFILM X-T1 mit einer kleinen Auswahl an Objektiven.

 


>> Weitere Infos zu Oliver Beccarelli finden Sie hier

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