FUJI CREATE. Das Magazin für die schönsten Fotomomente
zurück
Photo Specials

Glasi Hergiswil

Die Szenerie in der Glasi Hergiswil erinnert an einen mittelalterlichen Marktplatz, auf dem Handwerker in der Art von Feuerspeiern und Gauklern ein geheimnisvolles Spektakel mit archaischen Werkzeugen aufführen. Der Fotograf Philipp Dubs hat für CREATE die einzige Schweizer Glashütte besucht und uns seine Impressionen mitgebracht.

In der Hergiswiler Glasi wirken die historischen Grundelemente auf wundersame Weise zusammen: Die Erde birgt den für die Produktion benötigten Rohstoff; die Luft hilft, das Glas zu formen, das Feuer wird für das Schmelzen und all die Öfen benötigt und das Wasser zur Kühlung.
Zudem war das Wasser des Vierwaldstättersees war die Strasse, auf der früher das Brennholz, Rohstoffe sowie die fertigen Produkte transportiert wurden.

Hauptakteur Feuer

Der grosse Hauptakteur ist natürlich das Element Feuer, das im Hergiswiler Schmelzofen beständig lodert und bei gut 1500 Grad Sand und Zusatzstoffe in eine gleissende Flüssigkeit verwandelt. Beim Abkühlen wird diese zu schillerndem Glas und damit zum Produkt einer Technologie, die seit Jahrhunderten ihre Anwendung findet.

Das Wissen um eine weitere Eigenschaft von Sand – Bilder für immer festzuhalten – wird hingegen erst seit wenigen Jahren genutzt. Denn Silizium, Rohstoff für die Chips, ohne die das digitale Leben undenkbar wäre, wird aus Sand gewonnen – der Quarzsand, der auch der Glasherstellung dient, ist reines Siliziumoxid.

 

Fotografie und Glasmacherei

In der Glasi trifft der Fotograf auf Geschichten, die sich in den Gesichtern der Menschen spiegeln – und darüber hinaus auf das Spiel der Flammen, auf Transparenz und glänzende Oberflächen. Aus all diesen Zutaten Bilder zu schaffen, die dem Betrachter mehr schenken als die Summe der Einzelteile, ist eine Herausforderung für den Fotografen – genau
wie es den Glasmacher reizt, eine Vase so zu formen, dass sie mehr als bloss ein Gefäss darstellt, in das sich Blumen stellen lassen.

Fotografie und Glasmacherei sind also ungeahnte Zwillinge: Glasbläser wie Fotografen benötigen Konzentration, Kreativität, Geduld. Und für beide Leidenschaften braucht es das Gefühl für den richtigen Moment.

Was sonst auf unserer Netzhaut einen Sekundenbruchteil lang nur vorübergehendes Gastrecht geniesst, hält die Fotografie als dauernden Ausschnitt aus dem Leben fest. Wann dieser Moment gekommen ist, entscheidet nicht die Hand, nicht der Finger: Es ist das Auge des Fotografen. Es liegt geduldig und konzentriert auf der Lauer. Es drückt ab, wenn das Bild dem Bild entspricht, das der Fotograf in seinem Kopf bereits gestaltet hat.

Auch die traditionelle Glasmacherei ist Augenwerk: Kein Messinstrument, sondern das Auge des Glasbläsers entscheidet, wann er mit einer Form zufrieden sein kann. Dann legt er seine Kreation zum Abkühlen in den Kühlofen, wo sich das Glas sozusagen entwickeln kann. Was wiederum an die Fotografie erinnert – nunmehr an die analoge.

Die Glasi Hergiswil

Seit 1817 existiert in Hergiswil eine Glashütte. Nach rund 160 Jahren war das Unternehmen der Konkurrenz der Industrieproduktion jedoch nicht mehr gewachsen. Mit hochwertigen, individuellen Glaskreationen rettete der Glaskünstler Roberto Niederer die «Glasi» und sorgte so für den bis heute anhaltenden Erfolg. Der Betrieb steht auch Besuchern offen – von einer Plattform aus kann zugesehen werden, wie das Glas gegossen, geformt und geblasen wird. Ein originelles Museum, diverse Restaurants, ein Glas-Labyrinth und weitere Attraktionen runden das Erlebnisangebot ab.


>> Mehr Infos auf der Website der Glasi Hergiswil

 

Philipp Dubs

Das Hobby Fotografie sollte dem Zürcher «Seebueb» und gelernten Elektromonteur zum Beruf werden – was ihm nach langen Jahren als Fotoassistent und Digitaloperator bei Fotografen an zahlreichen Schauplätzen auf der ganzen Welt gelang. Heute gehört Philipp Dubs sogar zu den FUJIFILM X Fotografen.

Für interessierte Amateure organisiert er in der Glasi Hergiswil einige Male im Jahr Fotokurse. An diesen kann das Geschehen am Schmelzofen ausnahmsweise auch aus der Nähe fotografiert werden.

 

>> Erfahren Sie mehr über Philipp Dubs

 

Fotos: Philipp Dubs

Text: Gerhard Reinecke

^