04.05.26 zurück

TOMATO TRAVELS – VOM SAATGUT ZUR PELATIBÜCHSE MIT DANIEL RIHS

Der Fotograf und Fotojournalist Daniel Rihs verfolgt in seinem Langzeitprojekt «Tomato Travels» seit 2021 die komplexe Produktions- und Lieferkette der Tomate – vom Saatgut bis zur Pelatibüchse. Über mehrere Jahre hinweg führt ihn diese Recherche durch verschiedene Regionen Europas. Im Zentrum steht dabei auch die spanische Provinz Almería, wo sich die Widersprüche einer globalisierten Landwirtschaft besonders deutlich zeigen. Seine Bilder machen sichtbar, was oft verborgen bleibt – zwischen Effizienz, Abhängigkeit und den Menschen hinter dem System.
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Daniel Rihs

Daniel Rihs

Mein Name ist Daniel Rihs. Ich bin Fotograf und Dozent für Fotografie. Im Jahr 2000 habe ich den Lehrgang für Pressefotografie am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern abgeschlossen und 2024 das CAS in Theory and History of Photography an der Universität Zürich erworben. Mich interessieren die Menschen. Ich fotografiere, weil ich die Welt verstehen will.


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Fünf Jahre auf den Spuren der Tomate

Letzten Winter bin ich für mein fotografisches Langzeitprojekt «Tomato Travels» zum zweiten Mal in die spanische Provinz Almería gereist. Ich war bereits einige Tage am Arbeiten, als mir bewusst wurde, dass ich noch nie so viel Zeit für ein einzelnes Projekt hatte: drei Wochen am Stück – und zuvor bereits fünf mehrtägige Reisen. Ich komme aus dem Fotojournalismus, einer schnelllebigen und kurzatmigen Branche.

Im Rahmen dieses Projekts befasse ich mich mit den grossen Themen der Gegenwart: Klimakrise, Migration, Globalisierung und Armut. Die Expeditionen führten mich nicht nur nach Almería, sondern auch in die hoch industrialisierte Gemüseproduktion in der spanischen Region Extremadura, nach Hamburg, in die Saatgutproduktion in der niederländischen Provinz Limburg sowie in die Kantone Aargau und Thurgau – und an den Murtensee.

Die Aufnahmen aus der spanischen Region Extremadura zeigen zentrale Stationen der industriellen Tomatenproduktion, von der Ernte bis zur Verarbeitung und zum Verkauf. In einer Region, die durch Wasserreichtum und Subventionen geprägt ist, entsteht eine hochgradig mechanisierte Landwirtschaft, die auf Effizienz und Export ausgerichtet ist.

Gleichzeitig werden die ökologischen Folgen sichtbar, etwa ausgetrocknete Böden und sinkende Wasserreserven. Zwischen Maschinen, Infrastruktur und Produkten wird deutlich, wie stark diese Form der Landwirtschaft von globalen Märkten und industriellen Prozessen geprägt ist.

Die Bilder aus Buñol und Umgebung zeigen die Tomatina als Schnittstelle zwischen Logistik, Tradition und Inszenierung. Tonnenweise Tomaten werden eigens für das Fest bereitgestellt, bevor sie Teil eines kollektiven Ereignisses werden.

Neben Wettbewerben um die schönste Tomate («El mejor tomate») und lokalen Ritualen prägt vor allem die symbolische Überladung des Produkts das Geschehen. Zwischen Vorbereitung, Ausnahmezustand und Aufräumarbeiten wird sichtbar, wie stark sich Bedeutung und Wert eines Lebensmittels im kulturellen Kontext verschieben können.


Die Aufnahmen aus den Niederlanden zeigen die frühe Phase der Tomatenproduktion, in der Saatgut entwickelt und neue Sorten gezüchtet werden. In hoch technologisierten Gewächshäusern treffen manuelle Arbeitsschritte auf automatisierte Prozesse und genetische Analysen. Ziel ist es, Pflanzen gezielt auf Ertrag, Resistenz und Transportfähigkeit auszurichten.

Clarissa Hyman,
Food-Journalistin

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Doch nirgends zeigen sich die ökologischen und sozialen Folgen einer deregulierten Landwirtschaft so exemplarisch wie in Almería. Eine Mischung aus Ausbeutung und Innovation, aus Effizienz und Nachlässigkeit ermöglicht es hier, das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse zu ernten. In dieser Gegend formen die Treibhäuser ein Meer aus Plastik, das selbst vom Weltall aus sichtbar ist.

Laut WWF besteht der Müll im Mittelmeerraum zu 95 Prozent aus Plastik. Die
Plastikfolien der Gewächshäuser werden alle drei bis fünf Jahre ersetzt. Die
Zahl der Unternehmen, die auf Recycling spezialisiert sind, steigt. Ein grosser
Teil des Plastikabfalls landet nach wie vor auf illegalen Deponien.

Und dazwischen Menschen

Landwirtschaft in solchen Dimensionen ist ohne Arbeitsmigration nicht möglich. Die Erntehelfer – es gibt kaum Frauen – dürfen jedoch nicht legal einreisen. Wie und ob sie es nach Spanien schaffen, spielt für das Funktionieren des Systems keine Rolle. Allein 2024 dokumentierte die spanische Nichtregierungsorganisation Caminando Fronteras über 10’450 Todesfälle auf den verschiedenen Fluchtrouten über das Meer nach Spanien.

In der ganzen Region sind schätzungsweise rund 10’000 Arbeitsmigrant:innen obdachlos. Sie übernachten in verlassenen Häusern, Garagen, Schuppen – oder gar direkt in den Treibhäusern. Inzwischen gibt es ganze Barackensiedlungen, in denen mehrere Hundert Menschen ohne fliessendes Wasser und Strom leben.

Freiwillige eines jesuitischen Hilfswerks für Migranten unterrichten Spanisch in Siedlungen ohne Strom- und Wasserversorgung. Sie bringen Lampen für den Unterricht mit.

Auf versiegelten Böden

Inmitten dieses Treibhausmeeres ragen die Forschungs- und Produktionszentren der globalen Agrarkonzerne hervor. Zwar ist die Gentechnik in Europa noch streng reguliert – Eingriffe in die Genstruktur sind nicht erlaubt. Der Handel mit patentiertem Saatgut ist dennoch ein Milliardengeschäft.

Die intensive Landwirtschaft hat erhebliche Folgen für die Region: Dürren treten nicht mehr nur periodisch auf, sondern sind Dauerzustand. Die Trinkwasserversorgung und die Bewässerung der Anbauflächen sind ausschliesslich durch industrielle Meerwasserentsalzung möglich. Die Flussbetten führen seit Jahren kein Wasser mehr, sind überwachsen und vermüllt. Die verdichteten und versiegelten Böden sind praktisch wasserundurchlässig und nehmen somit bei Regen kein Wasser mehr auf. Die Menschen fürchten sich zunehmend vor sintflutartigen Regenfällen und den daraus resultierenden Überschwemmungen.

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Elemente in der Nahrungskette

Dieses Langzeitprojekt steht für einen neuen fotografischen Weg. Ich nehme mir mehr Zeit und arbeite ausschliesslich mit Stativ. Der augenscheinlichste Unterschied ist jedoch die Präsenz von Menschen. Fotojournalismus ist meist nah dran – Gesichter erzählen die Geschichte. Für «Tomato Travels» habe ich beim Fotografieren von Personen jedoch bewusst mehrere Schritte zurückgemacht. Oft ist auf den Aufnahmen nur noch irgendwo ein Körper zu entdecken – nicht als Individuum, sondern sinnbildlich als Rädchen im System. Mit diesem Projekt wollte ich herausfinden, wie ein dereguliertes Wirtschaftssystem aussieht, das die Erde als unablässige Lieferantin normierbarer, patentierbarer Rohstoffe begreift und Mensch und Natur gleichermassen an ihre Grenzen bringt.

In der Genossenschaft Coprohnijar sind 200 Produzent*innen zusammengeschlossen,
die 400 Hektar Gewächshauskulturen bewirtschaften. Im Verteilzentrum
werden Gemüse und Obst gekühlt, verpackt und für den Export nach
Europa, in die USA und nach Kanada vorbereitet.

«Tomato Travels» versteht sich nicht als Anklage, sondern wirft vielmehr ein Licht auf die strukturelle Gewalt der globalen Nahrungsmittelproduktion. Zwischen den einzelnen Bildern entstehen Verbindungen, die Verborgenes sichtbar machen und eine grössere Geschichte erzählen.

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Grossformatiges Schaufensterbild in Bern mit verschiedenen Tomatensorten.

Die Fotografien wurden digital aufgenommen, jedoch weder manipuliert noch mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. «Tomato Travels» begann 2021 im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Crispin Thurlow von der Universität Bern. Dank eines Reisestipendiums des Kantons Bern konnte das Projekt fortgesetzt werden.

Zwischen Zeitgeist und Bildsprache

Die Welt ist eine andere als vor 25 Jahren, als ich meinen Abschluss am MAZ in Luzern machte. Auch die Rolle der Fotografie hat sich durch soziale Medien und KI grundlegend verändert: Sie wird heute anders wahrgenommen, genutzt und eingesetzt. Und der Markt hat sich schnell angepasst. Gute Fotografie war nie zeitlos – im Gegenteil: Sie war stets dem Zeitgeist unterworfen.

Fotografieren war und ist für mich eine emotionale Angelegenheit. In meinen Workshops bitte ich die Studierenden, genau zu beobachten, wann bei ihnen der Impuls entsteht, den Auslöser zu drücken. Ich glaube nicht an den fotografischen Musenkuss. Zu einem guten Bild führen meist akribische Planung und Beharrlichkeit oder ein Unterwegssein mit wachen Augen und einem Geist, der offen für das Unerwartete ist – oder eine Mischung aus beidem.

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Obwohl ich nicht technikgetrieben bin, kann ich mir kaum eine überzeugende Aufnahme vorstellen, die technische und formale Minimalstandards nicht erfüllt. Belichtung, Fokus, Tiefenschärfe und Bildaufbau müssen bewusst gewählt und angemessen sein – und vor allem die Aussage unterstützen. Im Zentrum steht für mich immer der Inhalt.

Meine erste FUJIFILM habe ich 2016 für eine private Reise gekauft. Bald stellte ich fest, dass sich die X-Pro2 auch für Aufträge eignet. Sie ist robust, intuitiv bedienbar und passt mit drei Festbrennweiten problemlos in eine kleine Messenger Bag. Den Schritt zur GFX100 II habe ich erst gemacht, als ich sicher war, dass ich mein Langzeitprojekt weiterführen konnte. Das Gehäuse mit vier Festbrennweiten war eine grosse Investition, die ich jedoch nie bereut habe. Ich war positiv überrascht, wie zuverlässig die Kamera auch in Reportage-Situationen ist – und die Detailtreue des Mittelformats begeistert mich bis heute.

Für die zweite Andalusien-Reise habe ich das GF30mm T/S gemietet. Besonders interessiert hat mich dabei das vertikale Shiften für Landschaftspanoramen – eine technische Option, die mir neue formale Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet.

Erstmals habe ich auch Videosequenzen im Mittelformat aufgenommen. Vom Stativ aus überzeugten mich sowohl das Handling als auch die technische Qualität des Materials.

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Ein Projekt, das nachwirkt

Auf meinen Reisen habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die trotz allem versuchen, verantwortungsvoll zu handeln, darunter Erntehelfer:innen, Landwirt:innen, Biolog:innen, ehrenamtliche Spanischlehrer:innen, Hilfsarbeiter:innen, Chauffeur:innen, Lagerist:innen und Magaziner:innen. Die meisten wollen ihre Arbeit gut machen und im Rahmen des Möglichen etwas zum Positiven bewirken. Für uns in der wohlhabenden Schweiz kann das beispielsweise bedeuten, saisongerecht, lokal und bio einzukaufen.

Fotos & Text: Daniel Rihs

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