15.01.26 zurück

Behind the Lens – «Paradise Road» mit Rachel Bühlmann

Zwischen alten Werkstätten, neuen Wohnbauten und der Industrie rund um das AKW Gösgen findet Rachel Bühlmann Motive, die von Übergängen erzählen. «Paradise Road» ist ihr Blick auf einen Ort, der sich im Wandel befindet und dessen Spuren sie fotografisch festhält. Für dieses Projekt arbeitete sie unteranderem mit der FUJIFILM GFX100S II und dem GF30 T/S, einem Objektiv, das ihren Zugang zu Weitwinkelaufnahmen überraschend verändert hat.
Paradise Road AKW

Portraet 1 Rachel Buehlmann

Rachel Bühlmann

Mein Name ist Rachel Bühlmann, und ich arbeite als freischaffende Fotografin vor allem im Bereich Architektur und Stillleben. Meine freien Arbeiten zeige ich mitunter in Kunstkontexten. Manchmal in Ausstellungen, manchmal auf Plattencovern. Letztes Jahr durfte ich eine Serie im Kunstteil der Le Monde Diplomatique zeigen. Inhaltlich orientiere ich mich gerne an der Popkultur. Darunter verstehe ich neben der Musik auch zeitgenössische Literatur und Filme, aber auch Artefakte aus vergangenen Epochen. Besonders spannend finde ich hierbei popkulturelle Highlights wie zum Beispiel die 1960er- und 1970er-Jahre mit der Mondlandung, den Beatles, dem «Summer of Love» und später dem «Summer of Hate», als die Manson-Morde geschahen und das traumatische Ereignis auf dem Altamont-Festival das 1969 die Medien beherrschte und als Tiefpunkt der Hippie-Zeit gilt. 


Stocker 2 Paradise Road
Paradise Road Arizone

Das Projekt – Paradise Road zwischen Bahngleis, Atomkraft und Faszination

In Paradise Road möchte ich dokumentieren, wie sich die Industrie-Insel entwickelt und was noch aus Zeiten sichtbar ist, in denen in Hobbyräumen und Werkstätten an Autos und Motorrädern geschraubt wurde. Anscheinend bezeichnete man das Gebiet zwischen dem Atomkraftwerk Gösgen und den Bahngleisen als Paradise Road. Die Autos und Motorräder, an denen in den Hobbywerkstätten geschraubt wurde, konnten auf den langen Geraden optimal getestet werden. Dort befinden sich aber auch eine Munitionsfabrik, ein WC-Papierhersteller, das Institut für Hochspannungsfragen sowie weitere Betriebe. Rund um die Paradise Road kann beobachtet werden, wie ein neues Quartier entsteht, das im Laufe der Zeit zur Geisterstadt oder zur Boomtown werden kann. Wir werden es sehen.

Was mich inspiriert – die Schönheit sogenannter «Unorte»

Ich mag sogenannte „Unorte“, wobei ich diese eher negativ belegte Konnotation eigentlich nicht ideal finde. Für mich bedeuten solche Orte oft Ruheinseln oder Kraftorte. Insbesondere an Sonntagen besuche ich gerne Gegenden, in denen die Arbeit und die akustische Sphäre vorübergehend stillgelegt und der Mensch und sein Schaffen nur als Zeichen und Spuren erkennbar sind.

Über Herausforderungen und Erlebnisse in der Fotografie

Eine Herausforderung solcher fotografischer Projekte ist oft, dass die Kamera nicht gerne gesehen wird. Einige Menschen werden vorsichtig, sobald sie eine Linse entdecken. Deshalb sind die besten Tage für meine Projekte die Sonn- und Feiertage, wenn sich weniger Menschen an Produktions- oder Konsumationsorten aufhalten.

Im Projekt Paradise Road kam eine zusätzliche Herausforderung hinzu. Als ich das Vorhaben skizzierte, war das betreffende Gebiet tatsächlich noch sehr leer und von Industrie geprägt. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich das jedoch und das Gebiet wurde bebaut und bewohnt. Ich konnte mich nun weniger frei bewegen, die neuen Bewohner:innen beanspruchten ihre Nachbarschaft – absolut nachvollziehbar. Die Menschen wollen ihren Traum vom Eigenheim mit Zaun und Garage leben, ohne dabei fotografisch dokumentiert zu werden.

Ins Gespräch kommen

Der Umstand der schnellen Veränderung brachte jedoch auch ein interessantes Gesprächsthema mit sich. Die Betreiber:innen des Thai Take-Aways freuen sich auf die Entwicklung. Die Frau, die seit Jahrzehnten ihre Hunde durch die Gegend führt, steht dem Ganzen etwas skeptischer gegenüber. Für mich als Fotografin ist es dabei wichtig, im richtigen Moment mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich versuche zu zeigen und zu kommunizieren, was mich genau an diesem Motiv interessiert: Oft ist es eine Farbkombination oder eine grafische Wirkung von eben diesem Gebäude oder ein besonderer Lichtreflex in der Abendsonne. Oder ich mache genau das Gegenteil und versuche, unsichtbar zu werden oder absolutes Desinteresse an der Sache zu zeigen, indem ich ausstrahle: «Ich mache das genauso ungern, wie du mich hier haben willst, aber es ist mein Job». Fotografin zu sein, bedeutet auch, Situationen und Menschen schnell einschätzen zu können und dementsprechend zu reagieren.

Stil der Architekturfotografie

«Mein» Stil zeichnet sich vermutlich dadurch aus, dass es eben nicht klassische Architekturfotografie ist. Natürlich hängt dies auch von Trends und persönlichen Geschmäckern ab. Mich interessieren Ansichten und Bilder, die sich von den oft sehr kühlen Visualisierungen unterscheiden – jene, die nicht Fotografie, sondern grafisch erzeugte Bilder sind.

Zudem mag ich auch Gebäude, die nicht unbedingt zur klassischen Architektur zählen, wie zum Beispiel sogenannte Zweckarchitektur: Fabrikgebäude, Lagerhallen oder gar Generatorenhäuschen. Ganz gleich, welche Funktion ein Gebäude hat – was mich berührt, ist immer seine ganz eigene Schönheit. Durch die Fotografie versuche ich, den Betrachter:innen diese Schönheit zu vermitteln.

Während meiner Zeit in Berlin hatte ich ein schönes Studio in einer ehemaligen Metzgerei mit einem grossen Schaufenster. Um etwas Sichtschutz zu bekommen, strich ich die ganze Scheibe mit Buttermilch (plus einer halben Flasche Chanel No. 5 wegen des Geruchs). Das Resultat war eine riesige Lichtquelle mit einem gleichmässigen, soften Licht. In dieser Lichtsituation inszenierte und fotografierte ich viele Stillleben, einfach weil es für mich naheliegend schien, das schöne Licht zu nutzen.

Als ich dann zurück in die Schweiz kam und kein Studio mehr hatte, begann ich, diese Stillleben draussen und im Zusammenspiel mit Architektur zu fotografieren.

FUJIFILM-Insight – wie ich überrascht wurde

Von FUJIFILM durfte ich die GFX100S II ausleihen, ebenso das GF110mm T/S und das GF100–200mm. In meiner Fotografie mag ich eher lange Brennweiten. Dadurch können die Objekte dichter aneinanderrücken. Als ich mich für die Objektive entscheiden musste, schien es mir deshalb naheliegend, das GF110 zu wählen. Aber: ich lag komplett falsch! Das 110er war tatsächlich viel zu nah und viel zu einschränkend. Ich war absolut überrascht und fand es schade, weil ich mich auf die Möglichkeit des Shiftens so gefreut hatte.

Zum Glück bekam ich dann die Möglichkeit, auch noch das 30er-Objektiv auszuprobieren. Viel erwartete ich allerdings nicht. Wie falsch ich doch lag! Das GF30mm T/S ist ein wunderbares Objektiv. Für jemanden wie mich, die Weitwinkel-Ansichten eigentlich nicht mag, war das ein kleiner Schock – aber ein positiver. Ich glaube, das Geheimnis liegt darin, das 30er T/S nicht als Weitwinkel zu verstehen. Klar, es ist eines, aber die Optik kann viel mehr, und durch die T/S-Funktion hat man nicht nur einwandfreie Qualität, sondern auch eine eingebaute Leiter!

Der Bildkreis dieses Objektivs ist so gross, dass sich der Bildausschnitt optisch mehrere Meter auf alle Seiten verschieben lässt. Absolut fantastisch! Und obwohl es eigentlich dazu gedacht ist, zusammen mit einem Stativ eingesetzt zu werden, habe ich es freihand benutzt. Es ist nicht ganz leicht, aber es geht (und ersetzt das Hanteltraining). Ohne Stativ arbeiten zu können, gehört in meiner freien Arbeit zu einem Essential. Schliesslich muss ich so agil wie möglich bleiben können.

Trotz der unglaublichen Auflösung und der etwas schnelleren Geschwindigkeit der GFX100S II im Vergleich zur 50S II werde ich vorerst bei der 50S II bleiben. Mein Rechner kann die grossen Dateien der 100er kaum in nützlicher Zeit handhaben. Dies mag ein Wink für einen neuen Computer sein, aber lieber investiere ich zuerst in den Weitwinkel mit der eingebauten Leiter – das GF30mm T/S!

Schlusswort – Neues lernen, Neues ausprobieren

Die Lernkurve macht manchmal eigenartige Figuren. Ich glaube, dann und wann ist es an der Zeit, sich Raum für Inspiration und neue Inputs zu nehmen, oder das eigene Equipment zu überdenken und gegebenenfalls zu ergänzen. Entscheidend dabei ist, das eine vom anderen unterscheiden zu können und sich dann auszuprobieren.

Ich danke FUJIFILM für die Gelegenheit, neues Equipment kennen- und liebenzulernen. Es hat mir neue Wege aufgezeigt und mich zu weiteren Ideen inspiriert.

Visuals & Text: Rachel Bühlmann

Cartaseta August 2025
Pfadi Goesgen

Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, drücke auf das Herz.

Stories GFX-SERIE Stories GFX-SERIE

  • unorte

    Behind the Lens – «Paradise Road» mit Rachel Bühlmann

    Paradise Road AKW
  • rosenessenz

    Zwischen Rauch und Rosen: Mit der GFX100S II in Kannauj

    FD AlessandraMeniconzi 2089
  • Reproduktion

    Behind the Lens – mit dem Art Basel Photo Team

    Art Basel 2025 BTS 1965
  • aftersales

    Hinter den Kulissen unseres Reparaturservices

    DSCF0723 Kopie
  • Reisen mit FUJIFILM

    Behind the Lens – mit Pascal Duschletta

    BTL DuschlettaPascal DSCF5238 1
  • 10 Jahre FUJIFILM

    Jens Krauer: Eingebettet in den Rhythmus des urbanen Lebens

    DSCF0372
  • extrem

    GFX100 II – für Detailtiefe und Präzision mit Alessandra Meniconzi (2/2)

    titelbild teil 2
  • Raue Bedingungen

    GFX100 II – Landschafts­fotografie am Limit mit Alessandra Meniconzi (1/2)

    FI Alessandra Meniconzi Kazakhstan Mangystau Bozjyra 5949tk 1
fujifilm corporate logo
Überblick Datenschutz

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.

Danke für dein Like!
Dein Like wurde entfernt.